Wutbürgerbeteiligung – Eine Farce.

Beim Versuch mich in eine fremde Stadt zu integrieren, landete ich gestern auf einer Veranstaltung zur Stadtentwicklung Stuttgarts in Folge des fulminanten Stuttgart 21-Projekts. Bürgerbeteiligung, Dialog, Möglichkeiten zum Gespräch, tolle Worte konnte man da lesen. Grob gesagt ging es darum, die Fläche, die durch den Bau des Bahnhofs frei wird zu planen und zu gestalten. Natürlich wird alles ganz toll und allen Ansprüchen an eine moderne und mondäne (…) Stadt wird Rechnung getragen. Hmh, ist klar. Zu Gast: Der renommierteste und beste Stararchitekt aller Stararchitekten (den Namen habe ich gewollt vergessen). Seine „persönliche Gebrauchsanleitung moderner Architektur“ präsentierte er an Hand zahlloser Beispiele seiner selbst kreierten Entwürfe von Basel, Bern, Zürich, Berlin,… Eine tolle Propagandaveranstaltung. Na hm, okay, die Häuser sahen grausam aus, aber über Geschmack lässt sich nun mal nicht streiten. Und wo ich gerade bei Geschmack bin: Das Kredo des Stararchitekten: Architektur braucht Manieren. Bedeutet: Die Neubauten müssen sich in das bestehende Bild integrieren, am besten baut man ein schönes Gebäude nach. Außerdem sind ALLE SCHÖNEN Städte aus einem Wurf geplant und am schönsten und besten sind die Städte, die am Reißbrett gezeichnet wurden. Und alle guten Städte haben etwas Eigenes an sich. Aha. Dass Städte etwas „Eigenes“ an sich haben, liegt wohl so in der Natur der Stadt begraben. Der Vergleich zum Landleben hinkt meiner Meinung nach der aktuellen Urbanisierung hinter her. Und was soll das auch? Besonders in einer Stadt wie Stuttgart, die sich dadurch auszeichnet, dass alle zahlungsfähigen Arbeitnehmer abends die Stadt verlassen um ihr zu Hause im Umland zu finden. Ob diese in den umliegenden Dörfern, Städten und Möchtegern-Städten wirklich „gesünder“ leben, sei dahingestellt. Faszinierend außerdem: Stuttgart kam in dem Vortrag nicht vor. Nachfragen bezüglich einer Handlungsempfehlung wurden abgeschmettert.

Der „Dialog“ beschränkte sich auf ein fast begeistertes Publikum, das der Gehirnwäsche dieses Stararchitekten strahlenden Applaus lieferte. Wenige erdreisteten sich Nachfragen zu stellen. Auf die Nachfrage meines sympathischen Sitznachbarn, ob sich diese Diskussion lohnt, wo wir immerhin über einen Baustart in neun oder zehn Jahren sprechen und ob sich die Ansprüche und die Wünsche nicht selbst überholen, reagierte der Herr Oberbürgermeister persönlich und pries den „Bürgerdialog“, Tschuldigung… Den Wutbürgerdialog als probates Mittel um langfristig den Stuttgartern eine Stimme zu geben. CDU-Politiker schüttelten Hände, verwiesen auf die anstehende OB-Wahl und am Schluss gab es Brezeln und Wein. Das war nun wirklich das Highlight des Abends, auch wenn mich kaum noch etwas dort hielt.

Blieb für mich eine Bestätigung, die mich freut: Dass ich als Stadtsoziologin nicht in das Mordor der Stadtentwicklung einsteigen konnte bzw. eingestiegen bin, war mit Abstand die klügste Entscheidung, die ich seit langem gefällt habe.

In diesem Sinne: Gefällt mir!

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