Was geht los darein!

Ich gebe es zu: Ja! Ich verfolgte das Dschungelcamp. Also… Ich bin ein K-Promi, holt mich hier raus. Mein Bruder meinte dazu: „Wenigstens lohnte sich dein Soziologie-Studium dafür, dass du eine Rechtfertigung hast, diesen Scheiß zu schauen. Aber irgendwo muss man eine Grenze ziehen.“ Mein Bruder gehört zu den sehr wenigen Menschen, denen ich abnehme, so etwas nicht zu schauen. Nicht nur eine dramatische und lebensbedrohliche Allergie gegen Privatfernsehen, sondern auch der auf das TV-Programm bezogene gehobene Anspruch der beiden Besten steht dem Dschungelcamp im Weg.
Interessant: KEINER schaut das Dschungelcamp, WIRKLICH NICHT, nur mal so beim Durchzappen, aus VERSEHEN! EHRLICH! Damit sind wir beim YouPorn-Phänomen. Keiner findet Pornos gut (und wenn dann nur aus rein wissenschaftlichem Interesse), aber alle reden mit. Die Quoten des Dschungelcamps von über 40% ‚in der relevanten Gruppe‘ sind ein Fake, also bitte. Und trotzdem weiß jeder, dass Brigitte Nielsen nackt badete, Vincent Raven einen an der Klatsche hat und Micaela Schäfer eine Textil-Allergie hat. In der Tat hat sich auch die Berichterstattung in den Zeitungen verändert. Ich suchte nach Zeitungsartikeln der verschiedenen Staffeln und fand zu meiner Verwunderung in den größeren Zeitungen wenig Artikel über die erste Staffel (ich meine jetzt so Zeitungen wie die ZEIT). Die haben sich schlichtweg geweigert über das Ekel-TV zu berichten. In Stufe Zwei, also während der dritten und vierten Staffel echauffierten sich die Medien über den kulturellen Verfall von RTL und fragten sich, wie weit ein sogenannter ‚Star‘ sinken kann. Durchweg Häme. Mittlerweile ist der RTL-Kassenschlager auch z.B. in der ZEIT angekommen. Getitelt wird wenig reißerisch, im Text findet sich nach wie vor der hämische Unterton zum Thema: „Muss das sein?“ aber dennoch wird dem allgemeinen Interesse Tribut gezollt. Alle Leser aller Zeitungen dürfen mit darein, nicht nur die BILD-Leser.
Also: Was geht los darein? Was passiert denn da? Zunächst scheint es offenbar einen Gewöhnungseffekt zu geben. Man regt sich nicht mehr so sehr auf, weil die Dschungelbühne quasi etabliert ist. Zudem werden die sogenannten Stars entzaubert: So jemand wie du und ich. Der Soziologe Erving Goffman (Wir alle spielen Theater) würde jetzt sagen, dass die Hinterbühne des Einzelnen zur Vorderbühne der Gesamtheit wird. Aber welche Hinterbühne? Brigitte Nielsen erzählt von ihrer Affäre mit Schwarzenegger und der unvergesslichen Nacht mit Sean Penn, ihrer Alkoholsucht und gewalttätigen Männern. Über sich selbst als Mensch und Persönlichkeit redet sie weniger und wird zur Dschungelkönigin gewählt. Dafür letztes Jahr der „große“ Skandal, weil zwei Insassen eine Liebesbeziehung inszeniert haben sollen. SKANDAL! Aber was ist da bitte nicht inszeniert? Rocco Stark redet von dem lieblosen Vater und liefert somit gefühlte 80% der Gags des Moderatoren-Dreamteams über seine Halbbrüder. Brannte ihm schon lange auf der Seele und war keineswegs deswegen erzählt, weil er sich einen Sympathie- und / oder Mitleidsbonus einsacken wollte. No fucking way.
Die große Überschrift heißt wohl Enttabuisierung. Herrlich, endlich können wir nicht nur über alles sprechen, sondern auch noch alles sehen. Nackte Silikonbrüste, wild urinierende Kerle, Psychosen und Neurosen und alles, was das Herz begehrt. Und alles ganz, ganz ehrlich. EHRLICH!
Bereit stehen schon die zahlreichen: „Früher hätte es sowas nicht gegeben.“ – Rufe. Einer erklärte dazu, dass Werte und Normen (also: Kultur) verfallen ohne ersetzt zu werden. Das ist nämlich die Moderne. (Émile Durkheim, 1897) Hat sowas von: „Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“ (Sokrates ca. 400 vor Christus)
Lassen wir Sokrates, Durkheim will aber nochmal kritisch beäugt sein (sage ich). Die Enttabuisierung von Intimstem ist sicherlich und ohne Frage ein Phänomen der Jetzt-Zeit. Generation Porno. Man redet, sieht, liest und googelt alles. Restlos alles. Und wenn man was Gutes findet, postet man es bei Facebook. Bei all dem glaube ich aber nicht, dass der Mensch in all seiner Privatheit und Besonderheit sonderlich viel von sich preisgibt. Preisgegeben wird das, was es preiszugeben gilt. Ob uns dabei die Kultur flöten geht… Ich glaube nicht. Schicken wir die Kultur doch in die nächste Dschungelprüfung. Mal sehen, wie sie sich schlägt.
Lieber Bernd, ich hoffe die wissenschaftliche Aufarbeitung der Tatsache, dass ich das Dschungelcamp täglich verfolgte stimmt dich versöhnlich. 🙂

Ein Gedanke zu „Was geht los darein!

  1. Das Fernsehgebaren seiner Schwester kritisieren zu wollen ist natürlich grenzdebil. Dafür ersuche ich um Vergebung. Weiß Gott was mich dazu verleitete. Ich Hornochse. Depp.

    Das Fazit deiner Erkundungen hatte ich vage vermutet. Wenn solche Privat-Glotze-Verweigerer wie ich wissen, dass Brigitte Nielsen nackt zu sehen war und der Gewinner bei Lanz sitzt und sich erblödet den ganzen Rummel auch noch irgendwie gesellschaftsrelevant zu machen, dann hat sich was in der Rezeption der Sache verändert. Seit Bestehen der Dschungelcamp-Sache wusste man als Hardcore-Öffentlich-Rechtlicher lediglich, dass es sowas gibt. Vor Einzelheiten musste man sich nicht sonderlich schützen. Das hat sich geändert.

    Wenn die gar die alte Dame ZEIT den wertvollen Rohstoff Papier dafür opfert. Na dann. Die Jugend von heute ist auch nicht mehr das, was sie noch nie war.

    Zuletzt: Wenn Du nicht endlich diesen Blog in Facebook oder sonstwo publik machst, kannst du die Beiträge auch hinter den Kleiderschrank hängen. Gib Gummi.

    Bärnd

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