Migration, Integration, Assimilation, Frustration

Apple hat das Logo und die Lösung –
wir nicht.

migrationsassistent

Hätten wir nur alle einen so tollen Migrationsassistenten wie Apple, könnten wir uns viel entspannter  den Freuden des sozial-digitalen Austauschs widmen. Haben wir aber nicht – und das ist schlecht.

In den virtuellen Selbstinszenierungsplattformen unserer Wahl sehen wir scharenweise Experten für dies und jenes. Experten für Mode, Autos, Kochen, Sport und Immobilien, aber auch und insbesondere Experten für Politik, Wirtschaft und Kultur. Und die überwiegende Mehrheit ist ja offenkundig dieser Tage Experte in Sachen Migration. Die Migrations-Experten bevölkern die digitalen Hügel wie dereinst das Publikum des Juden Jesus von Nazareth. Nur leider haben sie kein Ohr für so einfache wie universelle Inhalte wie sie auch 2000 Jahre nach deren Verkündung noch nicht Eingang in unsere Herzen und Gesetze fanden. Wer sich, wie es Jesus empfiehlt, barmherzig zeigt, ist ein Gutmensch. Seine (des Gutmenschen) Naivität und Weltfremdheit wird verspottet und gar zur Ursache für das unweigerlich nahende Ende des christlichen Abendlandes erkoren. Weite Teile der Politik der Europäischen Union, wie auch der einzelnen Mitgliedsstaaten, aber insbesondere der überwiegende Teil der Bevölkerung wähnt sich im Recht, wenn es um die Aufnahme von Flüchtenden aus den Krisenherden der Welt geht. Begrenzung, Abschiebung und Eindämmung sind häufig zu lesende Schlagworte. Und wenn es zum Äußersten kommt, der Aufnahme von Flüchtenden, dann wird über Integration doziert, dass sich die Balken biegen. Wobei es erstaunt wie dürftig die Bereitschaft vorhanden ist, sich etwas genauer mit den Begriffen und den zugrunde liegenden Konzepten auseinanderzusetzen. Da wird munter fabuliert über Integration, gemeint ist in aller Regel Assimilation. Da wird über Menschenrechte und das Grundgesetz, emanzipatorische Themen und Glaubensfreiheit sowie Gerechtigkeit gesprochen, ohne dabei das Ganze in einen vernünftigen Rahmen zu setzen. Ein gesamtes Bild kann so nicht entstehen.

Ob in der digitalen Sphäre oder beim Plausch mit Freunden und Bekannten. Es wird zusehends unerträglicher wie sich die Herzen einengen und das wahre Gesicht einer Gesellschaft sichtbar wird, die sich selbst kaum noch aushält. Im Optimierungs- und Inszenierungswahn dieser Tage wird klar, wer der große Gewinner sein wird. Das Ich. Unweigerl-ich. Oder, um einen anderen Werbespruch anzudeuten: Das Wir verliert. Wer sich im Jahr 2015 noch immer dem Gedanken verschließt, dass es neben dem abstammungs- oder sprachgemeinschaftlichen Staatsbürgertum auch Konzepte geben kann, die gemeinsame politische Werte wie Demokratie und Meinungs- und Glaubensfreiheit in den Vordergrund stellen, dem kann man keine ernsthaften Absichten unterstellen. Klar ist, dass es außer dem staatlichen Gewaltmonopol und der Einhaltung der universellen Menschenrechte keine verbindlichen Werte geben kann, die als Voraussetzung dienen, eine Zugehörigkeit einzelner zu einer Gruppe (Staatsbürger) zu begründen oder zu verweigern. Flüchtende sind in diesen Tagen gerade mit dem Ziel unterwegs, recht- und schutzlose Gebiete zu verlassen und Zuflucht zu finden in Gebieten, die ihnen genau das bieten: staatliches Gewaltmonopol und Einhaltung universeller Menschenrechte. Wir haben also alle ein gemeinsames Anliegen. Kein Flüchtender kommt hierher und nimmt den zumeist äußerst beschwerlichen Weg in Kauf, um hier für Unsicherheit zu sorgen. Das ist so einleuchtend, dass es sogar ein Bundesinnenminister verstehen könnte.

Was wollen wir eigentlich so krampfhaft vor den „Fluten“ der Flüchtenden schützen? Klar. Es ist nicht unser Geld – wir spenden und helfen ja ganz toll. Niemand hat Angst davor einen Teil seines Vermögens für jene zu geben, die nichts oder wenig haben. Wir alle haben unsere Gästezimmer und Eigentumswohnungen unentgeltlich den Ausländerbehörden angeboten, um sie mit Flüchtenden zu füllen. Wir gehen auf Vorträge um uns über Flüchtlingspolitik zu informieren. Unsere Vereine machen Spendenaufrufe, wir besuchen Moscheen und Sammelunterkünfte – es ist doch alles ziemlich prima, nicht wahr? Gut. Selbst wenn alles hier aufgezählte tatsächlich in weiten Teilen der Gesellschaft stattfände, selbst dann bliebe uns sicherlich trotzdem noch ein ziemliches Unbehagen. Was wird sich ändern? Deutschland, heißt es auch aus Politikerkreisen, wird sich ändern. Es ist die größte Herausforderung seit dem Fall der Mauer oder gar seit dem Ende des 2. Weltkrieges. Solche und ähnliche Aussagen beunruhigen uns, weil wir Angst vor Veränderungen haben, gerade vor jenen, die wir nicht planen und voraussehen können. „Dass nichts bleibt wie es war“, singt Hannes Wader 1982, und hat natürlich auch heute noch damit recht.

Unsere Demokratie in Gefahr zu sehen, weil sie sich verändern könnte, ist der Beginn eines totalitär „demokratischen“ Absolutismus, der zu nichts führt außer zu Problemen. Nur der Wandel und die ständige Anpassung unseres Rahmenwerks an die tatsächlichen Begebenheiten sichern uns vor zukünftigen Gefahren. Lassen wir uns nicht entmutigen durch die Kakophonie einwärts gewandter Egomanen. Seien wir barmherzig im Sinne der jüdisch-christlichen Bergpredigt, seien wir offen für Neues. Nur das konstruktive Beschäftigen mit dem Neuen wird uns retten. Und lasst uns beherzt auftreten wenn die Wölfe im Schafspelz anfangen zu heulen.

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