Johannistag

Das wird nicht mein Tag – so mein erster Gedanke als mein Blick durchs Fenster auf einen tristen, wolkenverhangenen Himmel trifft. Noch vor Tagen wurden wir von der Sonne gebrutzelt und jetzt das! „Überwiegend dichte Bewölkung ist mit Ausnahme des Nordostens aktuell dominierend. Dazu gibt es hin und wieder bei Temperaturen zwischen 14 und 18 Grad im Westen ein paar Regenschauer, während der Nordosten mit 20 bis 24 Grad bei Sonnenschein und wechselnder Bewölkung überwiegend trocken bleiben wird“, verkündet der Wetterbote im Radio. Nüchtern und sachlich vorgetragen und so ganz ohne Aussicht auf Besserung. Na ja, dann bekommt der Blumenkohl wenigstens keinen Sonnenbrand und ich kann mir mit dem Zusammenbinden der Kohlblätter Zeit lassen bis nach dem Kaffee. Und so kommt es, dass der Gang zur Dachfarm auch den zweiten Kaffee abwarten musste.
Mit Bast und Schere ausgestattet klettere ich aufs Dach und wäre, kaum dort angekommen, fast auf einer grünen Walnuss ausgerutscht. Grüne Nüsse – schwarze Nüsse, schoss es mir durch den Kopf. In meiner Erinnerung flammte das Bild von schwarzen, in dickem Sirup eingelegten, herbsüßen Walnüssen auf. Eine wahre Delikatesse, die ich schon lange mal selbst herstellen wollte. Also – noch mal nach unten um den Erntekorb zu holen, den ich dann mit den makellosesten, grünen Walnüssen füllte. Stolz wie Bolle präsentierte ich Bernd meinen Fang und bat ihn im Internet ein geeignetes Rezept zu recherchieren. Durch meine mangelnde Sehfähigkeit ist mir das Lesen fast unmöglich geworden und die eigentliche Aufgabe für den heutigen Tag, nämlich den Kohl zu binden, musste schließlich auch noch erledigt werden.
Für die bereits Handteller großen Blumen der Kohlpflanzen wurde es allerhöchste Zeit sie vor Sonnenbrand zu bewahren. Da sich die Blumen durch das UV-Licht braun verfärben können, werden diese durch das Zusammenbinden der Blätter vor direkter Sonneneinstrahlung geschützt. Bei Wirsing und Spitzkohl besteht diese Gefahr immerhin nicht (haben schließlich auch keine Blumen), um aber den in Nachbarschaft stehenden Pflücksalat nicht zu verschatten, habe ich auch hier Hand angelegt.

Und so sieht das Ganze nach getaner Arbeit aus:

Blumenkohl noch offen
Blumenkohl noch offen
Ich hol Kohl
Ich hol Kohl
Wirsing und Mangold
Wirsing und Mangold
Mangold, Spitzkohl und Salat
Mangold, Spitzkohl und Salat
Spitzkohl Corsage
Spitzkohl Corsage

Im Haus angekommen empfängt Bernd mich mit der Nachricht, dass mein zweiter Vorname offensichtlich Hildegard lauten müsse. „Hildegard, wieso Hildegard“ runzelt meine Stirn. „Na, Hildegard von Bingen halt; wegen Heute, dem Vierundzwanzigsten, dem Johannistag und Deiner Nussernte“. Ich verstehe nur Bahnhof. Bernd erklärt mir, dass am 24. Juni der Gedenktag der Geburt Johannes des Täufers sei und deswegen Johannistag genannt werde. Das Datum sei entsprechend einer Angabe des Lukasevangeliums vom liturgischen Datum der Geburt Jesu her errechnet, nämlich drei Monate nach Mariae Verkündigung und sechs Monate vor Weihnachten. „Kirchengedöns“ denke ich und will wissen, was das mit den Walnüssen zu tun habe. Worauf Bernd mir erläutert, dass die grünen Walnüsse auch Johanninüsse genannt werden. Der Name stamme vom Zeitpunkt der Ernte, die spätestens am 24. Juni, also am Johannistag erfolgen solle. Zu diesem Zeitpunkt sei die Nuss noch weich und hätte das typische Nussgehäuse noch nicht ausgebildet. So ist das mit dem Internet, auf der Suche nach einem Rezept, stößt man auf Geschichtliches. Dafür schätze ich diese „allwissende Müllhalde“ (das Internet nicht der Bernd) sehr. Eingelegte Johanninüsse können im Feinkostgeschäft erworben werden und sind ein sehr kostspieliger Genuss. Ein kleines Glas (ca. 200g) kostet etwa 10 Euro. Ganz schön happig, will ich meinen. Warum dies so ist, wird mir beim Rezept für die Zubereitung der Kostbarkeit rasch klar. In unverarbeitetem Zustand ist die Nuss nicht genießbar, da sie sehr viel Gerbsäure enthält.

Man legt die Nüsse in viel kaltes Wasser und durchsticht sie, bis zur Mitte unter Wasser mehrfach mit einer langen dicken Nadel (oder einem runden Fleischspieß). Dabei unbedingt Gummihandschuhe tragen, denn die austretende Gerbsäure hinterlässt hartnäckige schwarze Flecken auf den Fingern. Neun bis Elf Tage bleiben die Nüsse im Wasser liegen, wobei dieses zweimal täglich erneuert werden muss.

Walnuss Vodoo
Walnuss Vodoo
Die Qual der Wal(nuss)
Die Qual der Wal(nuss)

Dann übergießt man sie 3x mit kochendem Wasser und lässt es nach 15 Minuten ablaufen. Dabei werden die Früchte von der restlichen Gerbsäure befreit.
Inzwischen kocht man für 500 Gramm Nüsse 500 Gramm Zucker mit 1/4 Liter Wasser, eine Zimtstange und 5 Nelken bei schwacher Hitze, bis sich der Zucker aufgelöst hat. Diese Flüssigkeit wird gekocht, bis sie klar ist und Fäden zieht. Dazu gibt man nun die Nüsse und kocht sie, bis sie schwarz und weich sind. Mit einem Silberlöffel werden die Nüsse dann in gut gereinigte und mit kochendem Wasser gespülte Twistoff-Gläser gelegt (ca. 1 cm unter Rand). Darüber gießt man den noch mal dick aufgekochten Sirup. Die Gläser fest verschließen und auf dem Kopf stehend auskühlen lassen.
Mindestens sechs Monate (also bis Weihnachten) müssen sie ziehen. Am besten sind sie jedoch nach zwei bis vier Jahren, denn dann haben die Nüsse geschmacklich ihren Höhepunkt erreicht.

Bernd hat sich bereit erklärt die Nüsse zu pieksen und, trotz Handschuhe schmücken ihn nun braune Fingerspitzen. Jetzt bleibt nur noch Abzuwarten und das tägliche Wasserwechseln, bis wir die Weiterverarbeitung in Angriff nehmen können. Wer den Johannistag verpasst hat, kann sich ja einen Knoten ins Taschentuch machen, um so fürs nächste Jahr erinnert zu werden.

Das war’s mal für Heute

Eure Dachfarmerin

Unser kleiner Nussbaum - Klimaanlage für das Dach
Unser kleiner Nussbaum – Klimaanlage für das Dach

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