Integrier‘ mich nicht.

 

Die Kehrwoche ist erledigt (alle Hausmitbewohner haben mich gehört und gesehen), die Wohnung blitzt, der Urlaub kann beginnen.

Und er beginnt mit einer wahren Geschichte. Anfang des Jahres lernte ich einen jungen Mann kennen: Muhammad ist 17 Jahre alt, seit Kurzem in Deutschland. Seine Eltern sind in der Türkei verunglückt, er lebt jetzt bei der Schwester seines Vaters. Sein Deutsch ist miserabel, er kann sich kaum mit seinen Mitschülern verständigen, dem Unterricht kann er nur im Praxisteil folgen. Sein Englisch ist dafür fließend.

Muhammad würde gerne KFZ-Mechatroniker werden, er liebt Autos, den 1. FC Nürnberg und Basketball. Er erklärt uns feinsinnig und pointiert Unterschiede und Gemeinsamkeiten des Islams und des Christentums. Er spricht über den Befreiungskrieg und die Reformen Atatürks.

Letzte Woche traf ich Muhammad zum zweiten Mal. Sein Deutsch ist viel besser, sein Blick dafür verklärt. In seiner Klasse ist er integriert. Er hasst das Wort Integration. Er hat eine Ausbildungsstelle in Aussicht: Als Fachwerker in einer Schreinerei. Ich frage nach, ob er sich auch bei KFZ-Werkstätten beworben hat. Nein, mit seinem Zeugnis hat er da keine Chance.

Vermutlich hat Muhammad da Recht, vermutlich hätte er tatsächlich keine Chance gehabt. Irgendein X hat ihn in die nächstbeste Bildungsmaßnahme gesteckt, irgendein Y legt keinen Widerspruch ein, irgendein Z macht sich nicht die Mühe über Alternativen nachzudenken.

Wir leben einen Inklusions- und Integrationsgedanken, den wir auf homogene Schülerscharen projizieren. Individualisiertes Lernen, aber bitte leistungsähnlichen Gruppen. Wer rausfällt, fällt raus.

Muhammads Geschichte hat nicht mal den Codenamen Integration verdient. Die willkürliche Zuweisung in diese Bildungsmaßnahme hat ihn nicht integriert, sondern zusätzlich stigmatisiert.

Ein bewundernswerter junger Mann, der hoffentlich auf anderem Weg zu einem späteren Zeitpunkt seinen Weg machen wird. Ich drück ihm fest die Daumen.

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