Dachfarmerin

Wer, oder was ist die Dachfarmerin?
Hm – was soll man denn da schreiben – ohne, dass das Ganze in eine ultimative Lobhudelei ausartet!
Denn – wer stellt sich schon gerne als Idiotin vor?

Also – wage ich einen chronologischen Abriss über mein Bisheriges.

Das einzig positiv Erwähnenswerte aus meiner Kindheit – ist die Zeit bei den Roten Falken und das Schulorchester, indem ich Viola da Gamba spielte.
In meiner Grundschulzeit (ab 1962) hatten noch die „Alten Hasen“ das Zepter in der Hand – das Deutschlandlied klingt mir noch heute in den Ohren. Diese Männer (Ja – das waren alles Männer, ich kann’s nicht ändern) wurden zwar nicht aus dem Dienst suspendiert, aber das hatte sich irgendwann biologisch geklärt. Die Freude am Lernen hat mir dieser Umstand glücklicherweise nicht genommen.

Gerne hätte ich die Schulzeit so lange wie möglich ausgedehnt. Doch die schlagkräftigen Argumente meines Erzeugers machten mir klar, so rasch als möglich eine Lehre anzufangen. So kam es, dass ich mich als 16Jährige in der BASF, als Chemielaborantenlehrling (den Begriff Azubi gab’s erst später, ebenso die Endung „in“) wiederfand.

Parteilich habe ich mich bei den Jusos ganz gut aufgehoben gefühlt – die KPD war ja schnell verboten (womöglich waren da weniger V-Leute als bei der NPD installiert?) und die DKP bot in meinem direktem Umfeld (Landpomeranze) wenig Möglichkeiten. Für die jüngeren Leser*innen sei gesagt: In diesen Zeiten war die SPD noch sozialdemokratisch ausgeprägt – lang, lang ist’s her. Die Falken meines Wohnortes gab es noch bis etwa 1975 (? weiß ich nicht mehr genau).

Als ich meine Füße nicht mehr unter den Tisch meiner Eltern stellen musste, zog ich mir diverse berufsbegleitende Weiterbildungsmaßnahmen (Fachabi, Chemotechnikerin, Sicherheitsingenieurin) rein.

Gleichzeitig entflammte mein Herz für die Kunst.
Theater, Performances, Rauminstallationen – immer mit sozial- bzw. politkritischem Inhalt. In der Uni Mannheim gab es einen Lehrstuhl für Theater unter der Leitung von Thomas Butz. Ein wichtiger Mensch in meinem Leben: total abgefahren, oft bis zur Selbstaufgabe arbeitend – eine irre Erfahrung!

Das Leben in Sprache und Ausdruck, Tanz, Gesang, wilde Diskussionen…
Ich  spielte Theater, führte Regie, fertigte Kostüme, kümmerte mich um die Requisiten, soufflierte auf der Bühne stehend (musste ich mir doch immer den gesamten Text draufschaffen um den Zusammenhang im Gesamten zu spüren);  schrieb „Einfraustücke“, führte diese auf; verarbeitete die Geschichte der BASF, den IG-Farben und deren unheilige Allianz während des Dritten Reichs in Rauminstallationen und Performances; machte bei „Kunst und Kultur gegen Rechts“ Stimmung…

Als ich Mitte der 90er Bernd während einer Hilfsgüterlieferung nach Ex- Jugoslawien kennenlernte, konnte ich mir kaum vorstellen, dass eine sogenannte „Feste Beziehung“ noch Raum und Zeit in meinem Leben findet. Aber – was manchmal unvorstellbar ist, sucht sich seinen Weg.
Das größte Glück meines Lebens.

Im Spiegel wurden einpaar Worte über uns verloren, die ich euch nicht vorenthalten möchte (die Bemerkung über eine evtl. Adoption betrachtet bitte als „künstlerische Freiheit“ der Journalistin)
http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelspecial/d-55972871.html

Gemeinsam sind wir stärker, ist seitdem die Devise.
Jetzt ging der Punk erst richtig los. Unzählige Projekte haben wir gemeinsam gestemmt und – wie sich das jetzt so abzeichnet – wird sich das nicht ändern.

Blickachse Kunstausstellungen in leerstehenden Ladenräumen in Worms und, alle 3 Jahre, Großausstellungen im Schlosspark Herrnsheim (mit bis zu 120 internationalen Künstler*innen); Gründung der „Galerie Ackermann“; Installation einer Diskussionswerkstatt „Rache und Vergeltung“ im Zuge der Nibelungenfestspiele Worms in Zusammenarbeit mit Bettina Musall (Spiegel-Redaktion), Avi Primor (ehemaliger israelischer Botschafter in Deutschland), Mario Adorf (Schauspieler), der Gruppe Föhn (Die Schriftsteller Michael Ebmeyer, Tilman Rammstedt und Florian Werner und der Songschreiber Bruno Franceschini.)…

Zeitgleich: Ausbau eines kleinen Häuschens, um Omi kümmern, und der Mama die letzten Monate ihres Lebens bei uns ermöglichen. Glücklicherweise gemeinsam mit meiner Schwester Sissy und meinem Bruder Uli.

Seit 3 Jahren lebe ich – nach diversen Augenoperationen – mit der Diagnose Makuladegeneration. Was erhebliche Einschränkungen in der Mobilität nach sich zieht (nix mehr mit: mal schnell aufs Fahrrad oder Auto springen). Das Ändern des Leseverhaltens war gefordert (Hörbücher, die das „Zurückblättern“ in geliebte Textfolgen vermissen lassen – mal ganz abgesehen vom Lesen vor dem Einschlafen; Laptop war gestern – Flachbildschirm ist schwierig…). Unzählige Missgeschicke galt es zu Überwinden (Stolpern und Stürze mit Rippenbruch, Verbrennungen am Herd oder Kachelofen).

Und – es geht weiter – MACH und MACH.

Schon immer habe ich mich gerne im Freien aufgehalten. Ab März mutiert unsere Terrasse zum Wohnzimmer. Manche sonnigen Wintertage, egal ob Schnee liegt, haben wir schon draußen verbracht.
Im Garten ist es im zeitigen Frühjahr am Spannendsten: Alles drängt nach oben – will wachsen. Diese vielen Farben Grün – Unglaublich. Der Duft nach Erde, halb modrig, halb saftig frisch – davon kann ich nicht genug bekommen.

Ein Samenkorn – in die Erde gelegt – erklärt das ganze Sein.

Wenn ich mich gerade mal nicht mit den ganzen wuseligen Informationen im Netz beschäftige…

Dann lass‘ ich’s wachsen.