Herr de Maizière, wie gefallen Ihnen Schüler/innen in Militäruniform?

Bundesministerium der Verteidigung
Herrn Minister Dr. de Maizière
Stauffenbergstr. 18
10785 Berlin

Informationsarbeit / Nachwuchswerbung

Sehr geehrter Herr Dr. de Maizière, sehr geehrter Herr Minister,

seit einiger Zeit empfinde ich deutliches Unbehagen über die Ausrichtung der Werbemaßnahmen der Bundeswehr an Schulen. Bitte gestatten Sie mir daher, auch wenn ich Ihnen lediglich als interessierte Bürgerin schreibe, einige Fragen stellen zu dürfen.

Doch zunächst möchte ich darlegen, wie sich mir die Bemühungen der Jugendoffiziere und Karriereberater der Bundeswehr darstellen:

– Es ist auffällig, dass die Bundeswehr erhebliche finanzielle und personelle Mittel darauf verwendet Nachwuchswerbung zu betreiben.

– Die Nachwuchswerbung lässt sich selten von reiner Informationsarbeit abgrenzen.

– Aus öffentlich zugänglichen Quellen ist zu entnehmen, dass die Bundeswehr Werbung bei Minderjährigen betreibt.

Nachwuchswerbung Bundeswehr (Quelle: Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V.)
Nachwuchswerbung Bundeswehr (Quelle: Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V.)

Nach der Aussetzung der Wehrpflicht ist es offenkundig, dass sich die absoluten Zahlen bei der Personalplanung nicht zuverlässig genug abschätzen lassen. Insofern ist eine intensive Öffentlichkeitsarbeit gewiss das am ehesten geeignete Mittel für die Bundeswehr als Arbeitgeber zu werben. Doch gerade die Tatsache, dass jeder dritte freiwillig Wehrdienstleistende innerhalb der Probezeit den Dienst abbricht zeigt auf, dass die jungen Menschen mit falschen Vorstellungen zur Bundeswehr kamen. Die jungen Wehrdienstleistenden dafür in die Pflicht zu nehmen und zu behaupten sie hätten zu viele interessante Alternativen oder hätten das mit den „täglich zu putzenden Stiefeln“ (ein Zitat von Ihnen) nicht verstanden, halte ich für allzu abschätzig und eines fürsorglichen Dienstherren nicht angemessen.

Man muss nicht allzu lange recherchieren, um sich ein Bild zu machen, wie sich die Bundeswehr bei jungen Menschen gerne darstellt. Aufwändige Print- und Onlinekampagnen die im Kern Abenteuerlust, Technikversessenheit und Kameradschaft ausstrahlen. Diese Schlagworte jedoch beschreiben die Arbeit in der Bundeswehr wohl nicht ausreichend genug. Die Arbeit der Bundeswehr wird konnotiert mit Assoziationen von Freiheit, Abenteuer, Spaß, Karriere, Technik, Tradition und dergleichen. Negative Aspekte werden nicht kommuniziert. Dabei richtet sich die Werbung an eine Zielgruppe, die zu jung ist, um sich ein vollständiges individuelles Bild machen zu können. Es gibt zahlreiche Beispiele von Einzelmaßnahmen die sich gezielt an Minderjährige wenden. Einige davon sind durchaus bemerkenswert. So unter anderem die Klassenfahrt einer neunten Klasse in eine Kaserne, in der ca. 15-Jährige in Uniform mit Panzern und sonstigen Waffen konfrontiert und fotografiert werden und gar auf der Webseite www.bundeswehr.de und der Facebook-Seite Bundeswehr-Karriere veröffentlicht werden.

Dies ist nur eines von zahlreichen Beispielen. In den Tiefen des Internets finden sich zahlreiche Videos und sonstige Beiträge, in denen klar und gewissermaßen ehrlich von Jugendoffizieren berichtet wird, dass sie über die Bundeswehr auch im Sinne eines Arbeitgebers informieren und Karrieremöglichkeiten beschreiben. Kein privatwirtschaftliches Unternehmen auf der Suche nach Nachwuchskräften bedient sich eines solch umfangreichen Instrumentariums und hat solch tiefgreifende Möglichkeiten direkt mit Schülerinnen und Schülern in Kontakt zu treten.

Sehr geehrter Herr Dr. de Maizière, vor dem Hintergrund, dass jährlich über 30 Millionen Euro für Nachwuchswerbung der Bundeswehr verausgabt werden, dass fast jeder dritte Freiwillige den Dienst vorzeitig abbricht, dass gerade bei den aus Auslandseinsätzen zurückkehrenden Soldatinnen und Soldaten die Nachbetreuung noch nicht optimal läuft, dass sich die Bundeswehr an eine sich immer noch verändernde Gefährdungssituation anpassen muss: Wäre es nicht zielführender die Nachwuchswerbung weniger emotional und dafür mit deutlich mehr Transparenz und Ehrlichkeit zu betreiben?

– Gibt es einen Code of Conduct wie die Bundeswehr Nachwuchswerbung betreibt?

– Werden Informationsarbeit und Nachwuchswerbung getrennt? Wir wird das dokumentiert?

– Finden Sie es richtig, wenn Minderjährige in Uniform mit Waffen und Panzern Umgang haben?

Wie Sie bestimmt bereits vermuten, stehe ich der Bundeswehr in ihrer jetzigen Ausrichtung nicht zustimmend gegenüber. Gerade die Auslandseinsätze und deren Tenor, dass unsere Freiheit auch in der Ferne verteidigt wird, halte ich für falsch, sogar für gefährlich, da sich die militärischen Aktivitäten nicht friedensstiftend sondern eher unruhestiftend auswirken. Davon jedoch abgesehen, gilt meine besondere Sorge jenen, die sich als Soldatinnen und Soldaten in gefährliche Situationen begeben, solange die Politik nicht den Mut hat, auf vermeintlich alternativlose militärische Auslandseinsätze zu verzichten. Bis dahin sollte mit großer Offenheit, Ehrlichkeit und Transparenz aufgeklärt und informiert werden.

Mit freundlichen Grüßen
Carmen Kästner

2 Gedanken zu „Herr de Maizière, wie gefallen Ihnen Schüler/innen in Militäruniform?

  1. Hallo Carmen,

    Ich danke Dir , das Du so engagiert bist,und ich bin froh, Dich zu kennen.
    Vielleicht treffen wir uns ja auch mal im realen Leben,
    ich würde mich sehr darüber freuen.

    Herzliche Grüsse
    Michaela

    1. Huch den Kommentar sehe ich erst jetzt.
      Macht aber nix . Besser spät als nie.
      Danke für Deine aufmunternden Worte. Noch gestern wollte ich aus Facebook aussteigen und habe in einem Anflug von Panik, erstmal alle meine Fotos gelöscht. Heute bin ich wieder OK.
      Und – Ja – auch ich würde mich über ein persönliches Treffen freuen.
      Ganz herzliche Grüße
      Carmen – die Dachfarmerin

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