Fail

Eben las ich einen Artikel in der ZEIT, der mich auf den ersten Blick irritiert und auf den zweiten Blick maßlos verärgert hat.
Der Autor: Andreas Thiesen, Sozialwissenschaftler und angehender Doktor der Politik mit Schwerpunkt auf Quartiersmanagement und Stadtteilentwicklung. So weit, so gut. Oder schlecht.
Aus meiner Sicht geradezu unachtsam karikiert er Gentrifizierungsgegner als antiquierte Rechthaber, als Lokalisten, ja gar als xenophobe Traditionalisten. Menschen eben, die den Kapitalismus nicht verstehen und verwerfen.
„So gesehen sind die Stadtteilaktivisten zugleich Modernisierer und Modernisierungsgegner, sie sind Täter, die sich als Opfer gerieren. Ihre Angst vor dem Verlust des Bestehenden, ihr Beharren auf räumlich akzentuierter »Identität«, ihr Pochen auf narrativ überlieferte Stadtteilkultur ist zutiefst provinziell und lokalistisch.“
Dass ein Stadtteil bzw. eine Stadt einen eigenen Charakter hat ist aus sozialwissenschaftlicher Perspektive längst kein Geheimnis mehr. Und überrascht auch keinen. Wer Frankfurt sagt, denkt an Banken, wer Dortmund sagt, denkt an Stahl und Bier. Selbst wenn es ein älteres und überholtes Bild ist (Dortmund), ist es sofort präsent. Folglich ist wie Thiesen sagt ein „Pochen auf narrativ überlieferte Stadtteilkultur“ keine illusionäre Geisteshaltung, sondern vielmehr Fakt. Weiter im Text:
„Unter kultursensiblen Vorzeichen könnte jenes Transparent daher ebenso gut als xenophobes Ressentiment gegen den Eigentümer selbst gelesen werden – auch wenn dies sicher nicht in der Absicht der engagierten jungen Menschen liegt, die sich selbst zur »linken Szene« zählen und sich in Interviews wie urbane Zapatisten inszenieren.“
Wer beginnt sich mit Gentrifizierungsdiskursen zu beschäftigen, weiß, dass der angesprochene Eigentümer mit iranischem Migrationshintergrund sicher nicht auf Grund seiner iranischen Wurzeln im Fokus des Interesses steht. Gentrifizierung ist nicht schlecht, weil Bausubstanz aufgewertet wird, Gentrifizierung ist schlecht, weil sie aus lebendigen und heterogenen Stadtteilen Wüsten der Einheitsmasse produziert. Die Verdrängung unterer Bevölkerungsschichten führt zu stadtentwicklungspolitischer Langeweile, zur Desintegration / Segregation der Nicht-Gewollten.
„Das Erkämpfen sogenannter Freiräume im Kapitalismus war schon immer eine Illusion. Es gibt keine subkulturellen Nischen, zumindest keine, deren Gesellschaftskritik den inneren Zirkel einiger Ausgewählter verlassen würde.“
Kommen wir mal zurück zur Realität: Die Städte (also die deutschen Städte) kämpfen unumwunden um ihre Existenz. Sie sind pleite, Bevölkerung wandert ab, wird älter. Willkommen in der Deurbanisierung. Wer die Aufwertung der Architektur als Messias der Attraktivierung und / oder Besonderung der Städte ansieht, denkt zu kurz.
„Dies würde jedoch bedeuten, die eigenen Aktionsformen zu hinterfragen und den Stadtteil als antikapitalistischen Schutzhort aufzugeben.“
Failed again: Gentrifizierungsgegner sind keine Antikapitalisten und auch keine Zapatisten. Die soziale und kulturelle Veränderung eines Stadtteils ist eng verknüpft mit ökonomischen Herausforderungen. Das ist einfach zu verstehen. Insgesamt ist es aber noch einfacher: Es geht nicht um falsch verstandenen Lokalismus, sondern vielmehr um ein Recht auf Stadt für Alle (Andrej Holm). Noch einfacher: Demokratie.
Wer diesen Mist nachlesen möchte: http://www.zeit.de/2012/05/Gentrifizierung?commentstart=9#comments (Letzter Abruf: 26.01.2012)

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