Deutschlands Tafeln – Anstehen gegen den Hunger

Als aller Erstes brauche ich morgens einen frischen Kaffee. Nicht aus der Maschine, bevorzuge ich doch die französische Methode – frisch gepresst. Der Computer ist bei diesem Ritual noch aus, das gute alte Radio trällert im Hintergrund – bei uns tatsächlich noch so ein Transistorteil – in Nussbaum, versteht sich. „Morgen geht die Vesperkirche nach vier Wochen zu Ende“, begleitet der Nachrichtensprecher meine Bemühungen die Milch zu schäumen. Denn auch das schätze ich an meinem Kaffee – frisch geschäumte, warme Milch. Nicht die fettarme, dünne. Nein die Vollfette! Doch heute will sie einfach nicht gelingen. Ich stampfe und stampfe mit dem Sieb im Milchtopf. „Nur in Mannheim geht es vierzehn Tage länger“ lässt mich der Sprecher noch wissen. „Die Milch wird heut nix“, informiere ich Bernd, der sich seine Tasse schon halb mit Kaffee gefüllt hat und auf die Vollfette wartet. „Vielleicht war die drüber“ brummelt er nur, hat er es doch morgens nicht so mit dem Reden. Ich gehe an den Kühlschrank und scanne die Vollfette suchenden Blickes ab. „Dann guck mal auf die Flasche, ich kann das mal wieder nicht lesen“. „Ist noch OK“ das knappe Statement. Ich schütte den Rest trotzdem weg, spüle den Milchtopf aus und starte einen neuen Versuch im Milchschäumen. Dick und sämig wird sie und der Morgen ist gerettet. Was ist eigentlich eine Vesperkirche? Ich schreibe den Begriff mit Kreide neben Zwiebeln und Katzenstreu an unsere Erinnerungstafel.

Im Internet werde ich fündig: „Unter dem Namen Vesperkirche führen über 20 evangelische Kirchengemeinden in Baden-Württemberg jährlich in den Wintermonaten soziale Projekte zugunsten von Armen und Bedürftigen durch. Kern des Angebots ist ein warmes Mittagessen, das zu einem eher symbolischen Preis angeboten wird.“ Also so was ähnliches wie Die Tafel nur zeitlich begrenzt, denke ich. Und wie das so ist, wenn man im Netz unterwegs ist und auch die Schlangen vor der Wormser Tafel nicht zu übersehen sind und mir diverse Tafelberechtigungsstreitigkeiten zweier Wormser Tafeln noch gegenwärtig sind und ich mich immer wieder frage wo das noch hinführen soll, wird mein heutiges Thema „Gemüse aus Samen unter Glas vorziehen“ auf morgen vertagt.

Mehr als 900 Tafeln gibt es hierzulande, die über 1,5 Millionen bedürftige Personen mit Lebensmitteln versorgen – knapp ein Drittel davon Kinder und Jugendliche. So, die kaum verifizierbare Hochrechnung des Bundesverbandes der Tafeln.

Muenchner_Tafel_2Die Tafeln – eine der größten sozialen Bewegungen unserer Zeit, so der Titel ihrer Internetseite. Und – rund 50.000 Menschen engagieren sich ehrenamtlich und spenden ihre Freizeit und ihr Know-how: als Helfer vor Ort, Fahrer, Berater oder Dienstleister.

Ist doch ’ne gute Sache, höre ich mich da denken. Doch was hat es auf sich mit dem Dienstleister Die Tafel?

Welche gesellschaftlichen Konsequenzen ergeben sich und, wie sieht es aus mit einer sozialen Nachhaltigkeit, wenn wir das System der wohltätigen „Armenspeisung“ weiterhin stillschweigend akzeptieren?

Nachhaltige Armutsbekämpfung durch ein ehrenamtliches Almosensystem?

Seit 20 Jahren gibt es die Tafel, anfänglich für Obdachlose, jetzt sind es vor allem Arbeitslose, Geringverdiener, Alleinerziehende und Rentner. Seit Jahren gehen Menschen zur Tafel und – es werden immer mehr!
Wie steht es um die Selbstbestimmtheit eines Menschen, der sich aus einer gesellschaftlich akzeptierten Not in solche Abhängigkeiten begeben muss? Wie fühlt man sich nach einer 40 Stunden-Woche, oder lebenslanger Arbeitstätigkeit, sei es im Beruf oder in der Familie, beim Anstehen um die wöchentliche Nahrungsration? Wie steht es um die Würde derer, die beim Amt um einen Tafelberechtigungsschein nachfragen müssen? Denn – „damit die Hilfe auch da ankommt, wo sie am dringendsten benötigt wird, lassen sich die Tafeln die Bedürftigkeit ihrer Kunden durch offizielle Dokumente nachweisen.“ Ach so, Kunden sind das – absurd. Wie viele Bedürftige es gibt, lässt sich sicherlich nicht an der von der Tafel veröffentlichen Zahl von 1,5 Millionen ablesen. Die Armutsgefährdungsquote lag 2011 in Deutschland bei 15,1%, so der Paritätische Wohlfahrtsverband. Armutsbericht Wohlfahrtsverband
Es gibt keine wirklichen Armen in Deutschland, wird man dem durch die Bundesregierung redigiertem Armutsbericht (sorry – Reichtumsbericht) demnächst entnehmen können. Allenfalls fehlt es an noch Arbeitsplätzen und der Billiglohnsektor wird’s schon richten. Wem dieser Lohn nicht reicht, kann ja zur Tafel gehen.

Wie geht es mir beim stillschweigendem Hinnehmen eines Systems, das immer mehr Menschen einfach abhängt? Was ist nachhaltig an einem System das es ermöglicht, dass Lebensmittel im Überfluss produziert werden? Was ist mit uns los, dass wir uns einreden lassen es sei eine gute Sache, wenn man diese Überproduktionen dann wenigstens an Bedürftige weitergibt und somit ein Teil vor der Vernichtung bewahrt wird?

Was ist das für ein System, dessen Zahl an Bedürftigen jährlich wächst und deren Überwachung Unsummen verschlingt? Unsummen die man in eine Mindestsicherung für Jede/n investieren könnte, aber das wäre ja dann vielleicht zu nachhaltig.

5 Gedanken zu „Deutschlands Tafeln – Anstehen gegen den Hunger

  1. Das mit den „Kunden“ ist wahrhaftig absurd und hält sich – leider – schon viel zu lange Zeit. Ich erinnere mich an die Anfänge des Qualitätsmanagements an Krankenhäusern: Eine der ersten Änderungen im Sprachgebrauch war die von „Patienten“ zu „Kunden“ – perverser geht es nimmer, dachte ich damals und wehrte mich lange Zeit gegen diese Bezeichnung für „Leidende“, ohne Erfolg. Wieder einmal ein Beispiel dafür, wie Begriffe in unserer Zeit schleichend nicht nur ihre Bedeutung verlieren, sondern nach und nach in ihr Gegenteil verkehrt werden – übrigens gerade am „Armutsbericht“ zu sehen, aus dem die wirklich Armen einfach entfernt wurden, wie oben ausgeführt!

    Danke für den Bericht über die Tafeln!

    1. Danke für Ihren Kommentar,
      treffend Ihre Ausführung: „Wieder einmal ein Beispiel dafür, wie Begriffe in unserer Zeit schleichend nicht nur ihre Bedeutung verlieren, sondern nach und nach in ihr Gegenteil verkehrt werden – übrigens gerade am “Armutsbericht” zu sehen, aus dem die wirklich Armen einfach entfernt wurden…“
      Solche Begriffe setzen sich fest und lassen uns glauben, dass alles in bester Ordnung ist. Ich denke, dass es auch immer schwieriger wird, sich dem zu entziehen. Sind wir doch alle zu Einzelkämpfern gemacht worden und davon ist leider Niemand wirklich ganz frei. Wie denken Sie über die Idee der Einführung einer Mindestsicherung für Alle?
      Über eine Antwort freue ich mich.
      Herzliche Grüße
      Carmen Kästner – Die Dachfarmerin

      1. Hallo Frau Kästner, per Zufall entdecke ich gerade, dass Sie auf meinen Kommentar zum „Tafel“-Artikel geschrieben habe. Ihre Frage nach der Mindestsicherung für alle Menschen beantworte ich mit einem klaren Ja! Schon seit langem bin ich davon überzeugt, dass das Bedingungslose Grundeinkommen zu einer gerechteren Existenzsicherung führen kann als die letztendlich fruchtlosen – und vor allem ungerechten! – Modelle des staatlichen Umgangs mit Armut wie z. B. HartzIV oder die Grundsicherung.
        Mit freundlichen Grüßen, Gisela Pook

  2. Wirklich treffend beschrieben! Kunden überall: bei der Tafel, bei der Arbeitsagentur, der ARGE, der Stadtverwaltung und bestimmt auch bei der Friedhofsverwaltung. Wenn sich denn alle auch so verhalten würden als hätten sie Kunden wäre es ja noch akzeptabel.

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