Bundeswehr raus aus den Schulen

olivSeit einiger Zeit empfinde ich heftiges Unbehagen über die Ausrichtung der Werbemaßnahmen der Bundeswehr an Schulen.

Man muss nicht allzu lange recherchieren, um sich ein Bild zu machen, wie sich die Bundeswehr bei jungen Menschen gerne darstellt. Aufwändige Print- und Onlinekampagnen die im Kern Abenteuerlust, Technikversessenheit und Kameradschaft ausstrahlen. Diese Schlagworte jedoch beschreiben die Arbeit in der Bundeswehr wohl nicht ausreichend genug. Die Arbeit der Bundeswehr wird konnotiert mit Assoziationen von Freiheit, Abenteuer, Spaß, Karriere, Technik, Tradition und dergleichen. Negative Aspekte werden nicht kommuniziert. Dabei richtet sich die Werbung an eine Zielgruppe, die zu jung ist, um sich ein vollständiges individuelles Bild machen zu können. Es gibt zahlreiche Beispiele von Einzelmaßnahmen die sich gezielt an Minderjährige wenden. Einige davon sind durchaus bemerkenswert. So unter anderem die Klassenfahrt einer neunten Klasse in eine Kaserne, in der ca. 15-Jährige in Uniform mit Panzern und sonstigen Waffen konfrontiert und fotografiert werden und gar auf der Webseite www.bundeswehr.de und der Facebook-Seite Bundeswehr-Karriere veröffentlicht werden.

Wie sich mir die Bemühungen der Jugendoffiziere und Karriereberater der Bundeswehr darstellen:

  • Es ist auffällig, dass die Bundeswehr erhebliche finanzielle und personelle Mittel darauf verwendet Nachwuchswerbung zu betreiben.
  • Die Nachwuchswerbung lässt sich selten von reiner Informationsarbeit abgrenzen.
  • Aus öffentlich zugänglichen Quellen ist zu entnehmen, dass die Bundeswehr Werbung bei Minderjährigen betreibt.

Diese Umstände veranlassten mich, an die für Bildung zuständigen Ministerien der 16 Bundesländer, eine Briefaktion zu starten.

Hier, exemplarisch, der Brief an Frau Doris Ahnen (Ministerin für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur, RLP):

Sehr geehrte Frau Ministerin,
sehr geehrte Frau Ahnen,

ich schreibe Ihnen heute um Ihre Aufmerksamkeit auf ein Thema zu lenken, welches seit einer Pressemeldung über den Aachener Friedenspreis an Bedeutung für mich gewinnt. Mir geht es um Veranstaltungen der Bundeswehr an Schulen und Hochschulen.
Es fiel mir bei Recherchen auf, dass die Methoden von sogenannten Jugendoffizieren der Bundeswehr differenzierter und intensiver stattfinden als ich dies angenommen habe. Mir stellt sich die Frage ob alle Maßnahmen und Methoden wie sie derzeit angewandt werden auch legitim und moralisch vertretbar sind.
Die Informationsveranstaltungen der Bundeswehr vermitteln durchgehend ein Bild, als sei die Bundeswehr ein „normaler“ Arbeitgeber. Es werden Argumente für die Bundeswehr angeführt, die man durchaus als Lockangebote bezeichnen kann. Möglichkeit des Studiums, langfristige Beschäftigungsgarantie, hervorragende Aufstiegsmöglichkeiten und dergleichen. Zielgruppe der Ansprache sind junge Menschen am Beginn ihres beruflichen Weges und auch Jugendliche die ihre schulische Ausbildung noch beenden müssen. Menschen also, die sich in einer Orientierungs- und Findungsphase befinden, die in aller Regel geprägt ist von Unsicherheit und Zukunftssorgen.
Schülerinnen und Schüler sind im Rahmen ihrer schulischen Ausbildung Schutzbefohlene ihrer Lehrer, der Schule und letztlich auch des Schulträgers einschließlich des verantwortlichen Landesministeriums. Wie kann man aber diesem Schutzauftrag gerecht werden, wenn Interessengruppen wie die Bundeswehr Zugang zu den Schülerinnen und Schülern haben und sie einseitig informieren?
Darüber hinaus werden in mindestens acht Bundesländern, darunter Rheinland-Pfalz, im Rahmen von Kooperationsverträgen auch die Referendarinnen und Referendare von Jugendoffizieren „ausgebildet“. Dies als Indoktrinationsversuch zu bezeichnen ist vielleicht überspitzt – trotzdem naheliegend.
Davon ausgehend, dass die Bundeswehr, spätestens seit dem Einsatz im damaligen Jugoslawien, kein Arbeitgeber wie jeder andere ist, dass nicht nur eine relevante Gefahr für die körperliche und seelische Verfassung für Bundeswehrangehörige im Rahmen ihrer Auslandseinsätze existiert und dass die zunehmenden –und stetig besser finanzierten– Werbemaßnahmen auch zu einer wachsenden Toleranz von Kriegseinsätzen beitragen, erfüllt es mich mit großer Sorge sollten sich diese Tendenzen fortsetzen oder gar erweitern.
In diesem Zusammenhang stellen sich mir viele Fragen. Beispielhaft nenne ich drei:
• Halten Sie es mit den Grundsätzen des Beutelsbacher Konsens vereinbar, wenn die Bundeswehr Infoveranstaltungen an Schulen durchführt?
• Werden im gleichen Maße Angebote gemacht, die Freiwilligendienste und Friedensarbeit zum Inhalt haben?
• Gibt es eine Kontrolle der Arbeit von Jugendoffizieren an Schulen? Wie wird diese Kontrolle kommuniziert?
Insbesondere an eine eventuelle Antwort auf Frage 2 und 3 knüpfe ich besondere Hoffnung, da sich hier konkrete Möglichkeiten ergeben können, wie man das Informationsverhalten von Jugendoffizieren mit dem staatlichen Bildungsauftrag und dem damit zusammenhängenden Wächteramt des Staates über seine Schutzbefohlenen überzeugend legitimieren kann. Ich gehe nicht davon aus, dass derzeit Bundeswehraktivitäten im Einzelnen durch eine inhaltlich opponierende Maßnahme flankiert werden.
Wäre es nicht auch im Sinne der gemeinsam von Eltern und Schule getragenen Fürsorge, wenn die Teilnahme an einer solchen Veranstaltung freiwillig wäre? Mir fällt dazu die Gewissensfreiheit unter anderem bei der mittlerweile ausgesetzten Wehrpflicht ein.
Im Jahresbericht 2011 der Jugendoffiziere wird von den großen Bemühungen berichtet, Schülerinnen und Schüler die dringende Notwendigkeit von Auslandseinsätzen vor Augen zu führen. Diese Bemerkung, als eine von mehreren, ist symptomatisch für das Selbstverständnis der Jugendoffiziere. Eine differenzierte, mehrere Sichtweisen einschließende Vorgehensweise sieht gewiss anders aus. Im Rahmen des besagten Berichts wird auch über die enge vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Schulbehörden und Ministerien gesprochen, sowie die Einbeziehung von Jugendoffizieren in die Gestaltung der entsprechenden Lehrinhalte erwähnt. Werden diesbezüglich auch andere Vertreter einbezogen? Wären hier nicht die gewählten Politiker oder auch Mitarbeiter der entsprechenden Ministerien besser geeignet die Sachverhalte zu erläutern? Werden hierzu auch Aktivitäten von Organisationen wie z.B. den Grünhelmen, Ärzte ohne Grenzen oder anderen berücksichtigt?
Die Vermittlung des Themas Sicherheitspolitik in die Hände derer zu legen, die sicherheitspolitische Entscheidungen umzusetzen haben, halte ich für nicht zielführend. Es obliegt ja auch nicht der Bundeswehr zu entscheiden wie und wo die deutschen Streitkräfte eingesetzt werden. Das Parlament entscheidet nach eingehender Abwägung, nach Anhörung verschiedener Experten und Gremien und nicht zuletzt unter Berücksichtigung der Stimmungslage im Volk. Warum also sollte die Bundeswehr als ausführendes Organ die Information übernehmen? Warum macht sie es hauptsächlich bei jungen Menschen, wenn nicht um letztlich Nachwuchs zu suchen?
Es gibt zwei Hochschulgruppen des Bundesverbands Sicherheitspolitik an Hochschulen in Rheinland-Pfalz. In diesen Gruppen werden regelmäßig Vorträge und Exkursionen angeboten, die oft durch die Jugendoffiziere organisiert werden. Auf den entsprechenden Internetseiten lässt sich nachlesen welche Ausrichtung zum Beispiel die Exkursionen haben. Eine relevante Bereicherung des Lernziels Sicherheitspolitik lässt sich da keineswegs ableiten. Die Veranstaltungen sind eher dazu geeignet junge Menschen an militärischen Habitus zu gewöhnen indem sie Heereskommandos und wehrtechnische Sammlungen (kostenlos) besuchen. Einige Universitäten haben bereits eine Zivilklausel eingeführt oder planen dies zu tun. Gibt es in Rheinland-Pfalz ähnliche Bestrebungen? Im Koalitionsvertrag hatten Sie hierzu Festlegungen getroffen. Konnten Sie diese bereits umsetzen?
Über eine Einschätzung Ihrerseits wäre ich Ihnen sehr dankbar und verbleibe mit herzlichem Dank für Ihr Interesse und
mit freundlichen Grüßen.
Ihre Carmen Kästner

Der Link zum Bericht der Jugendoffiziere:
http://jugendoffizier.eu/fileadmin/user_upload/allgemein/Jahresbericht_2011.pdf
Der Link zum Aachener Friedenspreis:
http://www.aachener-friedenspreis.de/preistraeger/archiv/jahr-2013.html

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