Austerität und Kuscheln

heute: Sparsamkeit, oder wie lässt sich moralische Integrität mit den Prinzipien der Austerität vereinen

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass alles Übel irgendwie von weit weg herkommt. Kurseinbrüche haben ihren Ursprung in Peking oder New York, der Krieg im Osten der Ukraine hat seinen Ursprung in Kiew und Moskau, die Treibhausgase werden in den USA und China emittiert. Alles schön weit weg. Hat nichts mit uns zu tun, das liegt auf der Hand.

Und ja. Die Flüchtlinge kommen ja auch aus fernen Ländern hier her. Wir kümmern uns vorbildlich und ehrenamtlich. Wenn sich PolitikerInnen an den Schauplätzen fremdenfeindlicher Übergriffe einfinden um ihre Solidarität zu bekunden ohne gleichzeitig allzu viele Wählerstimmen zu verlieren, dann hört man oft, dass Deutschland ein weltoffenes Land ist. So wie 2006 „die Welt zu Gast bei Freunden“ war, so sind neun Jahre später Flüchtlinge willkommen – Refugees Welcome. Ein herzliches Hallo, Bienvenue und Welcome an alle die hier her kommen. Heerscharen freiwilliger Helfer fallen über die Neuankömmlinge her, um sie bestens zu versorgen.

Glaubt Ihr nicht? Ich auch nicht.

Da ist wohl eher der Wunsch der Vater des Gedankens. Vielleicht denkt sich der eine oder andere Politiker, dass wenn schon Verwaltung und Politik offensichtlich versagen, dann können es ja die BürgerInnen wieder richten. Obgleich das auch nur eine Nebelkerze ist, die im Frühnebel des aufziehenden Tages gezündet wird, der mit der völligen Entdemokratisierung am Abend endet. Oder ist es doch eher der basisdemokratische Wille des Volkes, dass Deutschland eine empathiefreie Zone wird?

Das wird man sehen. Niemand kann so richtig vorhersagen, wohin uns besorgte Bürger, Asylkritiker, NPD’ler, die PEGIDAs mit ihren lokalen Abteilungen oder einfach der normale Nachbar von nebenan und der Onkel aus Buxtehude bringt. Wer ist heute in der Mehrheit – wer übernimmt morgen die Meinungsführerschaft? Manchmal glaube ich, es braucht nicht viel um die Stimmungslage in Deutschland so ins Wanken geraten zu lassen, dass sich totalitäre Strukturen aufbauen können.

Freunde. Back to topic. Was ist jetzt mit der Austerität? Das ist ein Gedanke der mich seit längerem umtreibt. Wieso sind denn die Nachrichten voll mit den Schreckensnachrichten und Wortungetümen über die derzeitige Lage von Flüchtlingen. Worüber wird im Kern am meisten berichtet? Über die Gründe und Ursachen von Migrationsbewegungen, über die globale Dimension der aktuellen Flüchtlingsbewegungen oder über die Sorgen und Ängste derer, die gerade nicht flüchten? Richtig! Das letztere ist der Schwerpunkt unserer Aufmerksamkeit. Wir schauen uns jene an, die gerade nicht flüchten und dort wohnen, wo Flüchtende sich Aufnahme und Zuwendung versprechen.

Aber ist das nicht völlig absurd? Wir sorgen uns um die Sachsen und Dunkeldeutschen im Gesamten. Wir sorgen uns um die geschundenen Polizisten, die ein wenig von den besorgten Nazis angepöbelt und natürlich von den ach so staatsfeindlichen Antifas terrorisiert werden. Und wir sorgen uns manchmal irgendwie auch ein bisschen um die eigentlich Betroffenen: die Flüchtlinge. Es macht aber auch viel mehr Spaß über die doofen Ossis mit ihrem spektakulär lustigen Dialekt herzuziehen oder die Mauer wieder aufbauen zu wollen bzw. den lakonischen Verweis darauf herzustellen, dass man den Ossis 1990 ja auch geholfen hat.

Bullshit Freunde! Wir müssen dringend von dieser Straße abbiegen, die führt zum Abgrund. Wir dürfen nicht länger dem Auseinanderdriften unserer Gesellschaft Vorschub leisten, indem wir das Trennende betonen. Es gibt genug Gemeinsames für das wir uns stark machen können. In Dresden und Heidenau gibt es mehr als genug redliche Menschen, die sich schämen für diejenigen die offen ihre menschenverachtenden Parolen gröhlen. In den fünf „neuen“ Bundesländern gibt es keine grundlegend andere Haltung zu Flüchtlingen als im Rest der Republik. Die Ursachen warum in den Medien jene Ereignisse die sich im Osten abspielen prominenter behandelt werden lässt sich nur schwer ergründen. Vielleicht verkauft es sich besser wenn im Osten ein Asylbewerberheim brennt, als wenn es in der rheinland-pfälzischen Vorderpfalz brennt. Die ostdeutschen Nazigruppen sind auch bestimmt viel interessanter als die vorderpfälzischen Nazischergen des 3. Wegs. WTF? Vielleicht ist es einfach so, dass Ostdeutschland eben doch noch nicht so ganz zum Rest der Republik dazugehört und dass man den gesellschaftlichen Sondermüll am liebsten dort entsorgt. Wir Deutschen wären ja ganz tolle Gastgeber, wenn es doch nur die Ossis nicht gebe…

Also, ich meine, dass etwas mehr Sparsamkeit oder auch strenge unbiegsame Hartnäckigkeit der Tugend und Moral, helfen könnte. Bevor wir mal wieder über die Strenge schlagen und dumpfe Parolen mit ebenso dumpfen Gegenparolen parieren, können wir kurz warten und nachdenken. Muss ich das Posting jetzt wirklich gleich erwidern. Kann ich die Wahl meiner Worte überdenken, um vielleicht doch noch etwas zum Guten zu ändern? Oft sitze ich neben meiner angebeteten Gefährtin, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, jeden Tag zu versuchen eine Seele zu retten. Sie macht das in Facebook und sucht sich offenkundig junge Menschen, die sich eindeutig oder latent menschenverachtend äußern, um in den Dialog mit Ihnen zu kommen. Äußerst höflich und respektvoll begegnet sie ihnen. Legt einen Grund nach dem anderen dar, wie man diese oder jene Sache auch anders betrachten kann. Oft sitze ich nebendran und schüttele stumm den Kopf vor soviel Geduld und Langmut. Aber nur so lange bis mein Kopf nicht mehr schüttelt sondern vor lauter Anerkennung wie von Geisterhand beginnt zu nicken. Sie hat schon viele argumentative Scharmützel in Facebook erlebt, die meisten jedoch verliefen ruhig und besonnen. Meine allergrößte Hochachtung ist ihr nicht nur deswegen auf ewig gewiss.

Und so verstehe ich auch die Idee mit der Austerität. Sparsam, streng, tugendvoll und moralisch – so sollten wir jenen begegnen die anderer Meinung sind. Nur mit Geduld und auch einer Portion Liebe lassen sich große Veränderungen herbeiführen oder verhindern, je nachdem. Natürlich gibt es auch unbelehrbare Arschlöcher, denen man am liebsten eine in die Fresse hauen will. Wahre Stärke wird dann offenbar, wenn man es trotzdem nicht tut.

2 Gedanken zu „Austerität und Kuscheln

  1. Lieber Bernd,
    danke für den sehr guten Text. Du hast die Probleme wirklich zielgenau getroffen.
    Wenn ich täglich durch die Medienflut klicke, dann habe ich – und das betrifft fast alle Themen, die einen gewissen „Schreckenseffekt“ versprechen – oft den Eindruck, nicht „die Flüchtlinge“ sind ein Problem, nicht „die Neonazis“, nicht „die Verwaltung“ und sogar nicht mal „die Politiker“. Ein Problem sind vielmehr die, die Herausforderungen zum Problem stilisieren: „die Medien“, jedenfalls die, die sich von mehr Problem mehr Auflage versprechen und deshalb auch dann aufwendig berichten, wenn eigenlich nur eine kurze Notiz (wenn überhaupt) notwendig wäre.

    1. Danke Norbert! In den letzten Tagen frage ich mich häufiger, ob die aktuelle Situation wirklich diese Art von Berichterstattung braucht. Wenn sogar Oliver Pocher nach Heidenau fährt um dort Jugendliche vor laufender Kamera zu veralbern, dann ist wirklich was am schief laufen. Dennoch: Viele Vorkommnisse sind natürlich objektiv so erschütternd, dass man nicht laut genug: HALT! rufen kann. Insofern ist natürlich jedes Statement wichtig – wenn es aufrichtig gemeint ist.

Schreibe einen Kommentar