Teil 3: Aufs Dach steigen

Aufs Dach steigen mussten Bernd (mit dem ich unter einem Dach wohne) und ich in den letzten Jahren immer mal wieder. Regenrinne reinigen, Nussbaumlaub fegen, Nüsse einsammeln, bei Schnee und Eis Vogelfutter ausbringen –  ist dies doch der einzige Ort, der von unseren Katzen nicht aufgesucht werden kann. So der Rhythmus, wo man mit muss.

Von der Küche aus, hat man einen guten Blick auf unseren Flachdachanbau, der ein Büro und eine Vorratskammer beherbergt. Ein Nussbaum und der Garten sorgen für den grünen Rahmen. Ansonsten eine triste graue Dachfläche, besonders im Winter.
Dachtristesse

Der kleine Garten stillt schon seit Jahren den Bedarf an Kräutern aller Art, auch Ruccola, Knoblauch, ein paar Himbeeren und Tomaten gibt es da an der einen oder anderen Stelle zu ernten. Für mehr will  einfach der Platz nicht reichen; ohne auf die duftenden Rosen, die unzähligen Stauden, die üppig blühenden Hortensien, die bunte Wiese, den erfrischenden kleinen Bachlauf, den geliebten Sitzplatz und, und, und, zu verzichten.

Gartenansicht 3Gartenansicht 4Gartenansicht 6

Gartenansicht 5

So musste der reichlich genossene Salat, sowie das Gemüse eingekauft werden. Und immer wieder fiel beim Brutzeln in der Küche, der Blick auf die große graue Fläche, die schon in den frühen Morgenstunden von den Sonnenstrahlen erwärmt wurde.

Bis uns auf einmal ein Licht aufging!

Wie wäre es, wenn wir dort einen kleinen Nutzgarten verwirklichen würden? Sonne gibt es reichlich, Schnecken dürften kein Problem darstellen und die Statik kann man berechnen. Der Kompost könnte als Dünger herhalten, reichlich Regentonnen gibt es schon und Gartenarbeit hat uns noch nie geschreckt. Die Idee war geboren.

Schnell war klar, dass aus Gewichtsgründen und zur Schonung der Dachhaut (zweifach verlegte Bitumenbahnen auf Holzkonstruktion) eine vollständige Substratauffüllung des Daches nicht in Frage kommt. Also sollten es möglichst leichtgewichtige Behältnisse sein, am Besten in Beetformat, die dauerhaft auf dem Dach zum Stehen kommen können und das Ganze, aus Kostengründen Marke Eigenbau.

Beet 1Einweg Europalette und Holzrahmen

Beet im HerbstBeete mit Deckel (hier im Herbst)

Unsere Paletten und fertige Rahmen haben wir bei Freunden umsonst erworben. Wem dieses Glück nicht beschieden ist, wird in ebay fündig – GARANTIERT!

Dann wurde die Grundkonstruktion mit einer Abdeckplane (mind. 250g/m2) ausgeschlagen,  Löcher am Boden (dort, wo kein Holz ist) eingestanzt und diese mit einer ca. 2 cm hohen Tonschüttung (am Besten alte, zertrümmerte Tontöpfe und kleine Steine) aufgefüllt. Aus Dachlatten und Kunststoffplatten fertigten wir die Deckel an (zur Substratfüllung später mehr). Somit waren die einzelnen Beete vorbereitet.
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Berechnung der Dach-Statik. Will heißen: wie viel Gewicht an Beeten kann ich dem Dach zumuten?!

Als erstes haben wir die maximale Traglast des Daches berechnet. Gut war, dass wir das Gebäude selbst gezimmert hatten und somit wussten welche Holzbalken (Maße, Gewicht), in welchem Abstand, welche Holzbretter (Maße, Gewicht), welche Dampfbremsen und Innendämmung und welche Außenhaut zum Einsatz kamen. Diese Daten legten wir der Gesamtauflastberechnung des Daches zu Grunde.

OK – klingt alles sehr kompliziert, aber ist wichtig! Wer will schon bei seinen ersten Dachgartengehversuchen einbrechen? Niemand – also – MACHEN!
Folgende Webseite ermöglicht einfache statische Berechnungen für Holzkonstruktionen
http://www.eurocode-statik-online.de/

Somit wussten wir, welches Gewicht (pro Quadratmeter) jetzt schon auf der Dachkonstruktion lastet und was wir pro Quadratmeter noch draufpacken können.
Jetzt galt es das Gewicht der einzelnen Beete, also unserer Europalettenbeeteversion zu ermitteln.

  • Unsere Beetgröße (mit einem Rahmen): L/B/H 120x80x19 cm.
  • Das Gewicht Palette + 2 Rahmen: 30 Kg
  • Das berechnete Beetvolumen bis Oberkante des ersten Rahmens: 185 l

Das Volumen war wichtig um die Gesamtlast eines Beetes bei Extremregen und einer eventuellen daraus resultierenden vollständigen Auffüllung mit Regenwasser (Dichte: 1 Kg/l) des Beetes zu ermitteln (also wirklich eine worst case Betrachtung, denn in der Regel läuft das Wasser gut nach unten ab, bzw. wir legen die Deckel plus den 2. Rahmen bei starkem Regen auf).

Daraus resultierte, dass ein solches Beet im Extremfall ein Gewicht von max. 215 Kg erreicht.

In unserem Fall bedeutete dies, dass wir maximal 12 Beete auf unser Dach stellen können (Die Auflagepunkte immer auf den Balken!).

Wir haben uns für 9 Beete entschieden, da unser Nussbaum an einigen Stellen des Daches die Sonne verschattet.

Das universelle Substrat für die Beete sollte den verschiedenen Anforderungen der Pflanzen gerecht werden.

Hierzu war es nötig sich intensiv mit dem Thema Bio-Gemüseanbau auseinander zu setzen. Schon früh war uns klar, dass hier nur ein Anbau in Form von Mischkultur in Frage kommt. Was das ist und warum das wichtig ist, könnt ihr hier nachlesen.
http://www.naturimgarten.at/iddb/archiv18141/52_archiv18141_168600.pdf

Wir haben einfache, ungedüngte Gartenerde und ausgereiften Kompost (älter als 8 Monate) mit grob zerkleinertem Gartenschnitt gemischt. Außerdem empfiehlt es sich Holzasche in Saatrillen und Pflanzlöcher zu streuen, diese ist kalireich und wirkt fäulnishemmend. Wer  Kohl anbaut, sollte wissen: Kohl braucht Kalk und Salz, dazu 1Teel. Kochsalz/m2 in die obere Erdschicht mischen und etwas Algenkalk (Algomin) in die Pflanzlöcher streuen.

Was ganz arg wichtig ist:

Kein Torf. Fakt ist, dass durch den Torfabbau seltene Moorlandschaften zerstört werden, von der Energieverschwendung, bis der Torf im Gartenmarkt ankommt, mal ganz zu schweigen. Außerdem gibt es im direkten Umfeld genug Ersatzstoffe um den Boden locker zu halten. Grob zerkleinerte Garten- oder Holzabfälle zum Beispiel.
http://www.nabu.de/nabu/nh/2009/2/10866.html

Keine leicht löslichen Mineraldünger. Diese liefern Nährstoffe in wasserlöslicher Form und können leicht ins Grundwasser gelangen. Außerdem wird bei deren Produktion die Umwelt belastet. Zusätzlich besteht die Gefahr, dass durch Überdüngung die Pflanzen krankheits- und schädlingsanfälliger werden. Organische Dünger hingegen ernähren die Bodenorganismen, die daraus Nährstoffe für die Pflanzen mobilisieren. Der Kompost ist hier der beste, selbst hergestellte Dünger aus dem eigenen Garten.

Keine Pestizide, will heißen: chemische Pflanzenschutzmittel sind tabu. Sie vertilgen nicht nur Schädlinge, sondern auch Nützlinge und andere Organismen und, auch hier belastet die Produktion die Umwelt. Stattdessen kommen Jauchen, Brühen oder Komposttee zum Einsatz (dazu später mehr).
http://www.umweltbundesamt.de/landwirtschaft/index.htm

Und, last but not least: Die gute alte Regentonne, denn – zum Gießen möglichst nur Regenwasser verwenden. Um ein zu rasches Austrocknen des Bodens zu verhindern wird im späten Frühjahr gemulcht (das Anschichten mit z. B. zerkleinerten Gartenabfällen, getrocknetem Rasenschnitt). Beim Aufstellen der Regentonne (besser noch zwei) ist es wichtig, dass diese leicht zugänglich ist und man bequem in eine Gießkanne zapfen kann. Steht das Teil in der letzten Ecke, ist der Griff zum Wasserhahn allzu verlockend. Und – die Pflanzen haben’s lieber kalkfrei. Beim Gießen darauf achten, dass das Wasser nicht kopfüber auf die Pflänzchen prasselt – das schockt total und die Flüssigkeit begünstigt Fäulnisbildung. Noch was – morgens gießen! Nicht nur weil abends die Schnecken angezogen werden.
Eine ganze Seite zum Thema Gießen findet ihr hier:
http://www.gartenbauvereine.org/texte/merkinfo/m_giessen.html

 

Eine ausgefuchste Anbauplanung beherzigt solche Kriterien wie: Mischkultur (in jedem Beet versteht sich), Pflanzenverträglichkeiten und deren gegenseitige Begünstigung und – das Wichtigste – täglich Frisches und das über das ganze Jahr verteilt. Was für uns noch wichtig war: Es werden keine Pflanzen im Gartenmarkt gekauft, alles wird aus Samen und dies in Demeter-Qualität, selbst gezogen.
Saattütchen

Hier kaufe ich schon seit Jahren den Samen und bin – nicht nur was die Keimqualität, vielmehr auch, was die Firmenphilosophie betrifft – mehr als zufrieden.
http://www.bingenheimersaatgut.de/

Nachdem klar war welche Salate und Gemüse bei uns wachsen sollen habe ich, auf diese Sorten fokussiert, folgende wichtigen Punkte zusammengestellt:

  • Salat wehrt Erdflöhe an Radieschen ab.
  • Rosmarin vertreibt den Kohlweißling am Kohl.
  • Spinat fördert das Wachstum von Kohl und Radieschen.
  • Endivien begünstigt Kohl und Porree, wirkt sich negativ auf Chicorée aus.
  • Kohlrabi mag Radieschen, Salat und Spinat; verträgt sich nicht mit Kohl.
  • Kohl liebt Lauch und Spinat, verabscheut Zwiebeln.
  • Porree kann gut mit  Endivie, Kohl und Kohlrabi; schlecht mit Zwiebeln.
  • Radieschen mögen Mangold, Salat und Spinat; aber keinen Kohl.
  • Tiefwurzler und Flachwurzler möglichst in Nachbarschaft pflanzen, durch die unterschiedliche Wurzeltiefe können sich diese konkurrenzlos ernähren.
  • Unterschiedliche Wuchsformen mischen.
  • Pflanzabstand einhalten.

Und so sah die erste Liste aus, die die Grundlage für den Sameneinkauf, die Beetausnutzung, den Säzeitpunkt und die Erntezeit bildete:
Anbauplan Gemüse 2013

Die Radieschen und der Feldsalat können direkt ins Beet gesät werden, die Restlichen, am Besten in kleinen Anzuchtkisten an einer geschützten warmen Stelle und mit Glas abgedeckt vorziehen. Die Vorzucht muss, je nach Keimdauer, zwischen 5 und 7 Wochen vor der Auspflanzzeit erfolgen. Die Keimdauer ist je nach Umgebungstemperatur sehr unterschiedlich.
Hier kann man sich ausführlich informieren:
http://www.hortipendium.de/Portal:Gem%C3%BCsebau

Um die Anzahl der zu ziehenden Pflänzchen zu betimmen, war es wichtig jedes Beet zu planen. Will heißen; Was und Wieviel passt in die Kiste.
Und so sieht die Planung aus:
Beetplanung 2013

 

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