Überall Flüchtlinge?

Flüchtlinge wo man hinschaut. Überall Flüchtlinge. Schon beim Verlassen der Wohnung muss ich mich durch Horden von Menschen kämpfen, die mir den Weg in den Supermarkt oder meinen geliebten Baumarkt verstellen. Und auch dort stehen sie rum, sprechen in mir fremden Sprachen miteinander, machen sich bestimmt über mich lustig. Telefonieren mit ihren Smartphones, einige lachen -bestimmt über mich-,  gehen in dem selben Markt einkaufen. Bald gibt es keinen Platz mehr für mich. Aaaaaargh. Und die Nachrichten sind voll von Meldungen über sie. In Griechenland und in Italien kommen sie an, in Serbien und Ungarn werden sie aufgehalten. Nach England, Schweden oder Deutschland gelangen sie dann irgendwann, zwar nicht alle – aber immerhin genug um meine liebe Ruhe hier zu stören. Dann stehen sie hier in langen Schlangen und nehmen mir auch noch den Sonnenschein, machen mir Schatten. Die kaufen mir noch die letzte Packung Milch weg oder das letzte Päckchen Stahlnägel im Baumarkt. Von den Rasenmähern und Blumentöpfen ganz zu schweigen. Die kaufen mir alles weg.  Alles.

Jetzt mal im ernst Freunde. Wenn man die meisten der vielen tumben analogen und digitalen Stammtischgröhler nicht mit der Nase auf die ansteigenden Zahlen von Flüchtlingen stoßen würde, dann würden sie es wohl kaum bemerken. Was ändert sich denn durch die in diesem Jahr angestiegene Zahl von Flüchtlingen für uns Eingeborenen? Haben wir ernsthaft mit irgendeiner Veränderung in unserem vergleichsweise beschaulichen und friedlichen Leben zu tun? Dass es für viele Eingeborene in Deutschland schwer ist seinen oder ihren Lebensunterhalt zu bestreiten ist offenkundig. Aber es ist kein Problem, dass Flüchtlinge oder Zuwanderer zu verantworten haben. Es ist vielmehr ein seit Jahren bis zur Unkenntlichkeit geschwundener Sozialstaat, der sich marktkonformisierte. Der Auftraggeber politischen Handelns hat gewechselt. Es ist nicht mehr der Pöbel (also wir) der alle vier Jahre eine neue Auftragsbestätigung in den Bundestag schickt. Politisches Handeln hat seit Jahren (seit Brandts Kanzlerschaft) einen Aufsichtsrat mit vielschichtigen Interessen bekommen. Verbände und Verbünde mit allerlei Wünschen bestimmen nun permanent und effizient wie sich Deutschland und Europa gestalten.

Back to Topic: Flucht und Vertreibung haben wir ja nicht erfunden. Obgleich es uns zuzutrauen wäre. Doch als Deutsche haben wir, nun ja, sagen wir wir mal… eine gewisse Expertise. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren knapp 25.000.000 Menschen auf deutschem (und ehemals deutschem) Gebiet auf der Flucht bzw. auf dem Weg nach Hause nach der unbeschreiblichen Hölle deutscher Internierung, Zwangsarbeit und Folter in den Konzentrationslagern. Wer das überlebt hat wollte so schnell wie möglich nach Hause – wenn es das noch gab. Also: Ich habe das mal nachgeschlagen: Ganz knapp zusammengefasst: Die Hälfte wollte raus aus Deutschland, die andere Hälfte wollte bzw. musste rein. Wie haben wir also nach dem Krieg gut 12.000.000 Menschen die aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße-Linie zu uns kommen mussten aufgenommen? Es ist kein großes Rätsel: fast genauso beschissen wie es sich heute mit den Flüchtlingen aus Afrika und dem Nahen Osten darstellt. Obwohl sie ja an sich die ‚richtige‘ Staatsangehörigkeit besaßen, waren da wohl noch so einige Untermenschenaspekte aus der völkisch deutschen Rassekunde am wirken.  Dossier bpb

Meine liebe Großmutter und eine stattliche Anzahl ihrer Geschwister haben eine ungeheuerliche „Reise“ auf sich genommen um aus ihrer schlesischen Heimat nach Westdeutschland zu kommen. Schon damals war die Prozedur wie heute. Erstaufnahmeeinrichtung, Registrierung – Bürokratie. Nur Bürokratie… keine Unterstützung bei der Suche nach den auf dem Weg verlorenen Geschwistern (ein Bruder wurde nach fast 60 Jahren wieder gefunden), kein Wort des Mitgefühls, kein Wort des Trostes. Gut. Fast jeder kennt solche Geschichten von den Großeltern oder Urgroßeltern. Und fast jeder weiß, dass sich unsere Omis und Opas in der Regel hierzu nicht sonderlich äußern. Wie auch. Die Scham darüber aus einem intakten und geliebten Umfeld gerissen worden zu sein und in der neuen Heimat nie vollständig Fuß gefasst zu haben wiegt schwer. Meist zunächst als Landarbeiter oder Reinigungspersonal und später dann in den 60er und 70er Jahren als Fabrikarbeiter eingesetzt, konnte sich ihr Lebensentwurf nicht so entwickeln wie der von uns Eingeborenen. Wir sitzen hier mit unseren dicken Hintern auf Tausenden von Möglichkeiten.

Angemerkt: Es ist natürlich jedem überlassen Möglichkeiten zu nutzen oder sie verstreichen zu lassen.
Angemerkt II: Wer denkt seine Möglichkeiten sind eingeschränkt weil die Zahl von Flüchtlingen in diesem Jahr gestiegen ist, der sollte das klar benennen können. Mir jedenfalls fällt nichts dazu ein.

Selbst wenn wir uns einschränken müssten, um die gestiegene Anzahl an Flüchtlingen zu gut zu versorgen: Haben wir eine Alternative? Nein!
Gründe:
1. Deutschland hat so viel Leid über die ganze Welt gebracht, dass man es in diesem Erdzeitalter nicht wieder gut machen kann. Es ist nicht gut zu machen. Und deswegen haben wir die Aufgabe alles in unserer Macht stehende zu tun, jetzige und künftige Not zu lindern.
2. Deutschlands Wirtschaft ist außerordentlich erfolgreich. Unser Erfolg beruht heute noch auf dem erschütternd erfolgreichen Wirken von Thyssen und Krupp, von Bayer, Höchst und BASF, von all diesen Industriegiganten die im Dritten Reich keine roten Zahlen schrieben, obwohl das Blut von Zwangsarbeitern ihr Schmierstoff war.
3. Und wem die Dritte-Reich-Nummer und das mit dem Blut zu drastisch war: Deutschland verdient sich heute noch dusselig mit inhumanen Geschäftspraktiken, mit Dumpinglöhnen und erpresserischem Gebahren. Unsere Banken finanzieren alles und jeden. Solidarität mit europäischen Partnerländern? Griechischer Staat, französische Bauern… pah, Schulterzucken und weiter gehts.
4. Das verdient auf jeden Fall eine besondere Erwähnung: Nach den USA und Russland ist Deutschland der größte Waffenlieferant der Welt. Das ist nicht nur vor dem historischen Hintergrund dieses Landes eine große Scham. Deutsche Waffenexporte sind ein wichtiger Grund, warum Lebensgrundlagen in vielen Teilen der Erde zerstört werden. Und daraus wiederum resultiert Flucht.

Mal so zwischendrin: Freunde. Natürlich gibt es viele Staaten die mit der gleichen Rücksichtslosigkeit Geschäfte machen. Doch so erschreckend effizient wie wir sind nicht viele. Und von dieser ökonomischen Kaltschnäuzigkeit profitieren wir alle. „Ob als Penner oder Sänger, Banker oder Müßiggänger, ob als Priester oder Lehrer, Hausfrau oder Straßenkehrer“ („Sage nein“, Konstantin Wecker) jeder profitiert vom Reichtum dieses Landes auch wenn er ungleich verteilt ist. Wir leben zwar gewiss nicht alle gleich gut hier, doch wir leben hier gut genug um anderen Hilfe nicht zu verwehren.

Die Liste an Gründen weswegen wir helfen müssen, lässt sich gewiss noch um einiges erweitern. Das hier ist meine ganz persönliche Hitliste. Und abschließend: Es braucht keinen einzigen Grund, Menschen in Not zu helfen. Wir müssen bedingungslos und grundlos helfen. Warum? Es ist das was uns zum Leben erweckt, was uns besonders macht. Es ist die Grundlage unseres Glaubens, unseres Lebens und unserer Zukunft.

Schreibe einen Kommentar