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Gesellschaft

Wollen können, müssen sollen,…

Vielleicht hätte ich die Konjunktive nennen sollen? Gestern bin ich auf meiner Streiftour durch Stuttgart im Hugendubel gelandet und mir sprang beim verdienten Kaffee ein Buch in die Optik: Willenskraft effizient einsetzen. Jo. Da der Kaffeegast am Tisch nebenan das Buch scheinbar nicht für würdig befand, seinen Platz im Regal wieder einzunehmen, habe ich also meine CHANCE auf Erkenntnis genutzt und „geschmökert“. Im ersten Moment dachte ich: Genau mein Ding. Willenskraft! YEAH! Here I go! Nach drei Seiten war ich angewidert. Angeblich geben über 80% aller Menschen an, dass sie Ziele nicht erreichen, weil ihre Willenskraft nicht ausreicht. Das kann doch nicht angehen. Was sind denn das für Ziele? Abnehmen, das Rauchen aufgeben, die Wohnung sauberer halten, den nächsten Universitätsabschluss, der nächste Sprung auf der Karriereleiter? Vielleicht lohnen sich manche Ziele nicht, vielleicht sind manche Ziele einfach unerreichbar… Aber die Willenskraft… Wie soll man sich der nähern? Ich will bestimmt abnehmen, funktioniert auch gerade, bisschen Bewegung hilft schon viel. Ich sollte auch mit dem Rauchen aufhören wollen, aber das sollte ich auch nur. Ich will mehr Menschen kennenlernen hier in der Noch-Fremde, aber Freunde auf Bestellung sind gerade aus. Und? Wo fehlt mir da eigentlich Willenskraft? Ich will momentan viel, alles zu seiner Zeit. Mit der Brechstange funktioniert es nicht; das Leben. Im Grunde sind die Ziele, die man nicht erreicht, doch Ziele, die man entweder nicht erreichen will oder nicht erreichen kann. Somit als Ziele auch schon wieder disqualifiziert sind. Vielleicht fehlt die Lust auf den nächsten Universitätsabschluss, das Können für den nächsten Karrieresprung, das Talent zum Blockflöte spielen. Muss ich mich wirklich schlecht fühlen, Schuldgefühle erleiden und verzweifeln, wenn ich etwas nicht schaffe? Ist es nicht das größere Eingeständnis zu sagen: Ich kann das nicht. Oder: Da habe ich keine Lust zu. Ist diese Strebsamkeit sowas wie ein virtueller Kampf, wer den Längsten hat? Wer mitspielen will, muss mitmachen? Versteh ich das richtig? Rhythmus wo man mit muss?

Da propagiert einer, dass man nicht Jedem helfen kann und erst recht nicht soll. Wenn man nicht an Auge um Auge, Zahn um Zahn glaubt ist man gleich naiv. Wer Ideale hat, versteht die Welt nicht. Ideale im Sinne von nicht-erreichten Zielen sind konsequenterweise mangelnde Willenskraft. Ich werde gerade müde. Meine Willenskraft ist super: Ich will nicht weiterschreiben.

Gute Nacht, du willenlose Welt.

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Gesellschaft Soziologie

Wutbürgerbeteiligung – Eine Farce.

Beim Versuch mich in eine fremde Stadt zu integrieren, landete ich gestern auf einer Veranstaltung zur Stadtentwicklung Stuttgarts in Folge des fulminanten Stuttgart 21-Projekts. Bürgerbeteiligung, Dialog, Möglichkeiten zum Gespräch, tolle Worte konnte man da lesen. Grob gesagt ging es darum, die Fläche, die durch den Bau des Bahnhofs frei wird zu planen und zu gestalten. Natürlich wird alles ganz toll und allen Ansprüchen an eine moderne und mondäne (…) Stadt wird Rechnung getragen. Hmh, ist klar. Zu Gast: Der renommierteste und beste Stararchitekt aller Stararchitekten (den Namen habe ich gewollt vergessen). Seine „persönliche Gebrauchsanleitung moderner Architektur“ präsentierte er an Hand zahlloser Beispiele seiner selbst kreierten Entwürfe von Basel, Bern, Zürich, Berlin,… Eine tolle Propagandaveranstaltung. Na hm, okay, die Häuser sahen grausam aus, aber über Geschmack lässt sich nun mal nicht streiten. Und wo ich gerade bei Geschmack bin: Das Kredo des Stararchitekten: Architektur braucht Manieren. Bedeutet: Die Neubauten müssen sich in das bestehende Bild integrieren, am besten baut man ein schönes Gebäude nach. Außerdem sind ALLE SCHÖNEN Städte aus einem Wurf geplant und am schönsten und besten sind die Städte, die am Reißbrett gezeichnet wurden. Und alle guten Städte haben etwas Eigenes an sich. Aha. Dass Städte etwas „Eigenes“ an sich haben, liegt wohl so in der Natur der Stadt begraben. Der Vergleich zum Landleben hinkt meiner Meinung nach der aktuellen Urbanisierung hinter her. Und was soll das auch? Besonders in einer Stadt wie Stuttgart, die sich dadurch auszeichnet, dass alle zahlungsfähigen Arbeitnehmer abends die Stadt verlassen um ihr zu Hause im Umland zu finden. Ob diese in den umliegenden Dörfern, Städten und Möchtegern-Städten wirklich „gesünder“ leben, sei dahingestellt. Faszinierend außerdem: Stuttgart kam in dem Vortrag nicht vor. Nachfragen bezüglich einer Handlungsempfehlung wurden abgeschmettert.

Der „Dialog“ beschränkte sich auf ein fast begeistertes Publikum, das der Gehirnwäsche dieses Stararchitekten strahlenden Applaus lieferte. Wenige erdreisteten sich Nachfragen zu stellen. Auf die Nachfrage meines sympathischen Sitznachbarn, ob sich diese Diskussion lohnt, wo wir immerhin über einen Baustart in neun oder zehn Jahren sprechen und ob sich die Ansprüche und die Wünsche nicht selbst überholen, reagierte der Herr Oberbürgermeister persönlich und pries den „Bürgerdialog“, Tschuldigung… Den Wutbürgerdialog als probates Mittel um langfristig den Stuttgartern eine Stimme zu geben. CDU-Politiker schüttelten Hände, verwiesen auf die anstehende OB-Wahl und am Schluss gab es Brezeln und Wein. Das war nun wirklich das Highlight des Abends, auch wenn mich kaum noch etwas dort hielt.

Blieb für mich eine Bestätigung, die mich freut: Dass ich als Stadtsoziologin nicht in das Mordor der Stadtentwicklung einsteigen konnte bzw. eingestiegen bin, war mit Abstand die klügste Entscheidung, die ich seit langem gefällt habe.

In diesem Sinne: Gefällt mir!

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Gesellschaft

Available option

Am Sonntag wurde im Kunstverein flaniert, debattiert, eruiert, provoziert. Es ging um das wenig alltagstaugliche Thema der Prostitution. Laura Maria Agustin, eine vermeintliche Soziologin hat ihre eigene Meinung: Irgendwie wird bei dem Thema immer übertrieben, kein Wissenschaftler begründet seine Thesen auf einer soliden wissenschaftlichen Empirie und das Gros der Prostituierten führt ein selbstbestimmtes Leben. Frau Agustin moniert die Abwesenheit männlicher Prostitution im öffentlichen Diskurs, ebenso wie die Viktimisierung der Prostituierten durch den weißen, christlichen Mittelstandsmenschen. Sie betont immer wieder, das Geschlecht sei eine soziale Konstruktion und keineswegs biologisch begründet. Mit dieser Aussage verweist sie auf die Ausführungen von Judith Butler oder auch Simone de Beauvoir. An sich kann man dem nichts entgegen setzen. Unsere Gesellschaft weiß: Mann oder Frau. Schwarz oder Weiß. Hopp oder topp. Und warum weiß das die Gesellschaft? Weil es schon immer so ist. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es in anderen Kulturen andere Zuordnungen und / oder andere Eigenschaften der beiden Geschlechter gibt. In welcher Ecke der Welt es auch immer drei, vierzehn oder zweihundert Geschlechter gibt und warum auch immer jemand mal beschlossen hat das Geschlecht an primären Geschlechtsorganen festzumachen und den Frauen und Männern besondere Talente und Eigenarten zuzuschreiben, Fakt ist die Brille, die eine Gesellschaft trägt. Sich vollständig aus diesen geschlechtlichen Kategorien lösen zu wollen, bedeutet sich zeitgleich aus der Gesellschaft zu lösen. Kaspar Hauser grüßt.
Von der Studie Agustins kann man halten, was man will. Wesentlich ist die Realität, die als Prostituierte, egal ob sie sich freiwillig für den Job entschieden hat oder nicht, knallhart ins Bild rutscht. Soziale Ächtung, Stigmatisierung, Kriminalisierung, die Unterstellung eines Drogenkonsums oder die Herabsetzung auf der sozialen Wendeltreppe sind immer ein Ergebnis der öffentlichen Wahrnehmung. Müsste man nun an dieser Stelle für Toleranz werben und die Prostitution als das älteste Gewerbe der Menschheit verfechten, so fällt es doch schwer sich in diese Rolle hineinzuversetzen. Die Trennung von Körper, Geist und Seele, die es bräuchte sich diesem Job zu nähern gelingt mir nicht. Ein Job wie jeder Andere? Nicht für mich.
Agustin kämpft mit den ihr zur Verfügung stehenden Waffen mit einer nicht minder großen Radikalität, die sie den Stigmatisierenden unterstellt. Im Grunde ganz einfach, muss sich Jede selbst über ihr eigenes Verhältnis zu ihrem Körper im Klaren sein und bei einer Entscheidung für die Prostitution Glück haben.
In meiner Auseinandersetzung mit dieser Studie begann ich an der Existenz dieser Frau Agustin zu zweifeln. Eine Wissenschaftlerin ohne Adresse, ohne CV und ohne Lebensgeschichte. In vielen Artikeln divergieren die Darstellungen, mal lebt sie in Madrid, mal in Miami, London, Norwegen, Schweden,… Sie hatte eine Gastprofessur an einer Universität auf deren Homepage man sie nicht findet. Positiv interpretiert könnte man behaupten, dass sie als Autorin eines solchen Werks Selbstschutz betreibt in dem sie sich anonymisiert. Möglich aber auch, dass ein/e Andere/r unter einem Pseudonym publiziert oder gar eine Agentur / Lobby dahintersteckt. Ich bin mir an Hand meiner Recherchen nicht sicher, dass es diese Frau gibt. Ebenso unsicher bin ich, was diese Erkenntnis bedeutet.

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Gesellschaft Soziologie

Was geht los darein!

Ich gebe es zu: Ja! Ich verfolgte das Dschungelcamp. Also… Ich bin ein K-Promi, holt mich hier raus. Mein Bruder meinte dazu: „Wenigstens lohnte sich dein Soziologie-Studium dafür, dass du eine Rechtfertigung hast, diesen Scheiß zu schauen. Aber irgendwo muss man eine Grenze ziehen.“ Mein Bruder gehört zu den sehr wenigen Menschen, denen ich abnehme, so etwas nicht zu schauen. Nicht nur eine dramatische und lebensbedrohliche Allergie gegen Privatfernsehen, sondern auch der auf das TV-Programm bezogene gehobene Anspruch der beiden Besten steht dem Dschungelcamp im Weg.
Interessant: KEINER schaut das Dschungelcamp, WIRKLICH NICHT, nur mal so beim Durchzappen, aus VERSEHEN! EHRLICH! Damit sind wir beim YouPorn-Phänomen. Keiner findet Pornos gut (und wenn dann nur aus rein wissenschaftlichem Interesse), aber alle reden mit. Die Quoten des Dschungelcamps von über 40% ‚in der relevanten Gruppe‘ sind ein Fake, also bitte. Und trotzdem weiß jeder, dass Brigitte Nielsen nackt badete, Vincent Raven einen an der Klatsche hat und Micaela Schäfer eine Textil-Allergie hat. In der Tat hat sich auch die Berichterstattung in den Zeitungen verändert. Ich suchte nach Zeitungsartikeln der verschiedenen Staffeln und fand zu meiner Verwunderung in den größeren Zeitungen wenig Artikel über die erste Staffel (ich meine jetzt so Zeitungen wie die ZEIT). Die haben sich schlichtweg geweigert über das Ekel-TV zu berichten. In Stufe Zwei, also während der dritten und vierten Staffel echauffierten sich die Medien über den kulturellen Verfall von RTL und fragten sich, wie weit ein sogenannter ‚Star‘ sinken kann. Durchweg Häme. Mittlerweile ist der RTL-Kassenschlager auch z.B. in der ZEIT angekommen. Getitelt wird wenig reißerisch, im Text findet sich nach wie vor der hämische Unterton zum Thema: „Muss das sein?“ aber dennoch wird dem allgemeinen Interesse Tribut gezollt. Alle Leser aller Zeitungen dürfen mit darein, nicht nur die BILD-Leser.
Also: Was geht los darein? Was passiert denn da? Zunächst scheint es offenbar einen Gewöhnungseffekt zu geben. Man regt sich nicht mehr so sehr auf, weil die Dschungelbühne quasi etabliert ist. Zudem werden die sogenannten Stars entzaubert: So jemand wie du und ich. Der Soziologe Erving Goffman (Wir alle spielen Theater) würde jetzt sagen, dass die Hinterbühne des Einzelnen zur Vorderbühne der Gesamtheit wird. Aber welche Hinterbühne? Brigitte Nielsen erzählt von ihrer Affäre mit Schwarzenegger und der unvergesslichen Nacht mit Sean Penn, ihrer Alkoholsucht und gewalttätigen Männern. Über sich selbst als Mensch und Persönlichkeit redet sie weniger und wird zur Dschungelkönigin gewählt. Dafür letztes Jahr der „große“ Skandal, weil zwei Insassen eine Liebesbeziehung inszeniert haben sollen. SKANDAL! Aber was ist da bitte nicht inszeniert? Rocco Stark redet von dem lieblosen Vater und liefert somit gefühlte 80% der Gags des Moderatoren-Dreamteams über seine Halbbrüder. Brannte ihm schon lange auf der Seele und war keineswegs deswegen erzählt, weil er sich einen Sympathie- und / oder Mitleidsbonus einsacken wollte. No fucking way.
Die große Überschrift heißt wohl Enttabuisierung. Herrlich, endlich können wir nicht nur über alles sprechen, sondern auch noch alles sehen. Nackte Silikonbrüste, wild urinierende Kerle, Psychosen und Neurosen und alles, was das Herz begehrt. Und alles ganz, ganz ehrlich. EHRLICH!
Bereit stehen schon die zahlreichen: „Früher hätte es sowas nicht gegeben.“ – Rufe. Einer erklärte dazu, dass Werte und Normen (also: Kultur) verfallen ohne ersetzt zu werden. Das ist nämlich die Moderne. (Émile Durkheim, 1897) Hat sowas von: „Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“ (Sokrates ca. 400 vor Christus)
Lassen wir Sokrates, Durkheim will aber nochmal kritisch beäugt sein (sage ich). Die Enttabuisierung von Intimstem ist sicherlich und ohne Frage ein Phänomen der Jetzt-Zeit. Generation Porno. Man redet, sieht, liest und googelt alles. Restlos alles. Und wenn man was Gutes findet, postet man es bei Facebook. Bei all dem glaube ich aber nicht, dass der Mensch in all seiner Privatheit und Besonderheit sonderlich viel von sich preisgibt. Preisgegeben wird das, was es preiszugeben gilt. Ob uns dabei die Kultur flöten geht… Ich glaube nicht. Schicken wir die Kultur doch in die nächste Dschungelprüfung. Mal sehen, wie sie sich schlägt.
Lieber Bernd, ich hoffe die wissenschaftliche Aufarbeitung der Tatsache, dass ich das Dschungelcamp täglich verfolgte stimmt dich versöhnlich. 🙂

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Soziologie

Fail

Eben las ich einen Artikel in der ZEIT, der mich auf den ersten Blick irritiert und auf den zweiten Blick maßlos verärgert hat.
Der Autor: Andreas Thiesen, Sozialwissenschaftler und angehender Doktor der Politik mit Schwerpunkt auf Quartiersmanagement und Stadtteilentwicklung. So weit, so gut. Oder schlecht.
Aus meiner Sicht geradezu unachtsam karikiert er Gentrifizierungsgegner als antiquierte Rechthaber, als Lokalisten, ja gar als xenophobe Traditionalisten. Menschen eben, die den Kapitalismus nicht verstehen und verwerfen.
„So gesehen sind die Stadtteilaktivisten zugleich Modernisierer und Modernisierungsgegner, sie sind Täter, die sich als Opfer gerieren. Ihre Angst vor dem Verlust des Bestehenden, ihr Beharren auf räumlich akzentuierter »Identität«, ihr Pochen auf narrativ überlieferte Stadtteilkultur ist zutiefst provinziell und lokalistisch.“
Dass ein Stadtteil bzw. eine Stadt einen eigenen Charakter hat ist aus sozialwissenschaftlicher Perspektive längst kein Geheimnis mehr. Und überrascht auch keinen. Wer Frankfurt sagt, denkt an Banken, wer Dortmund sagt, denkt an Stahl und Bier. Selbst wenn es ein älteres und überholtes Bild ist (Dortmund), ist es sofort präsent. Folglich ist wie Thiesen sagt ein „Pochen auf narrativ überlieferte Stadtteilkultur“ keine illusionäre Geisteshaltung, sondern vielmehr Fakt. Weiter im Text:
„Unter kultursensiblen Vorzeichen könnte jenes Transparent daher ebenso gut als xenophobes Ressentiment gegen den Eigentümer selbst gelesen werden – auch wenn dies sicher nicht in der Absicht der engagierten jungen Menschen liegt, die sich selbst zur »linken Szene« zählen und sich in Interviews wie urbane Zapatisten inszenieren.“
Wer beginnt sich mit Gentrifizierungsdiskursen zu beschäftigen, weiß, dass der angesprochene Eigentümer mit iranischem Migrationshintergrund sicher nicht auf Grund seiner iranischen Wurzeln im Fokus des Interesses steht. Gentrifizierung ist nicht schlecht, weil Bausubstanz aufgewertet wird, Gentrifizierung ist schlecht, weil sie aus lebendigen und heterogenen Stadtteilen Wüsten der Einheitsmasse produziert. Die Verdrängung unterer Bevölkerungsschichten führt zu stadtentwicklungspolitischer Langeweile, zur Desintegration / Segregation der Nicht-Gewollten.
„Das Erkämpfen sogenannter Freiräume im Kapitalismus war schon immer eine Illusion. Es gibt keine subkulturellen Nischen, zumindest keine, deren Gesellschaftskritik den inneren Zirkel einiger Ausgewählter verlassen würde.“
Kommen wir mal zurück zur Realität: Die Städte (also die deutschen Städte) kämpfen unumwunden um ihre Existenz. Sie sind pleite, Bevölkerung wandert ab, wird älter. Willkommen in der Deurbanisierung. Wer die Aufwertung der Architektur als Messias der Attraktivierung und / oder Besonderung der Städte ansieht, denkt zu kurz.
„Dies würde jedoch bedeuten, die eigenen Aktionsformen zu hinterfragen und den Stadtteil als antikapitalistischen Schutzhort aufzugeben.“
Failed again: Gentrifizierungsgegner sind keine Antikapitalisten und auch keine Zapatisten. Die soziale und kulturelle Veränderung eines Stadtteils ist eng verknüpft mit ökonomischen Herausforderungen. Das ist einfach zu verstehen. Insgesamt ist es aber noch einfacher: Es geht nicht um falsch verstandenen Lokalismus, sondern vielmehr um ein Recht auf Stadt für Alle (Andrej Holm). Noch einfacher: Demokratie.
Wer diesen Mist nachlesen möchte: http://www.zeit.de/2012/05/Gentrifizierung?commentstart=9#comments (Letzter Abruf: 26.01.2012)

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Gesellschaft Soziologie

Lust auf Kant

Eigentlich beschäftigten mich in letzter Zeit drei Situationen. Alle drei führten mich mehr oder weniger begründet und mehr oder weniger rational zu Kant, über den ich mir jetzt gepflegtes Wikipedia-Wissen angeeignet habe. Ach so, Wikipedia ist out, ich las selbstverständlich wissenschaftliche Literatur, also Kant im Original. Ehrlich!
Die erste Annäherung war die an mich herangetragene Frage: „Ist das Heikes kategorischer Imperativ?“ Grob zusammengefasst beschäftigt sich der kategorische Imperativ mit der allgemein möglichen Gültigkeit individuellen Handelns, also: Der Einzelne soll so handeln, dass sein Handeln ein allgemein gültiges Gesetz werden kann / wird. In Summe weder eine Überraschung, noch eine Verfehlung, noch eine Inhaltsanalyse des Handels, sondern lediglich eine Handlungsmaxime nach der man leben kann. Für meinen Teil kann ich es nicht beurteilen inwieweit ich persönlich danach lebe oder auch nicht. Der springende Punkt: Der Fragende wollte mir kein Kompliment machen, sondern vielmehr mein Gutmenschentum kritisieren / karikieren. Mal ganz abgesehen davon, dass der Begriff „Gutmensch“ aus der Nazi-Zeit entstammt und somit per se ad acta gelegt werden kann, beschreibt er weniger einen guten Menschen, als einen naiv moralisierenden Idioten, dem wahlweise Realitätsverlust, Showtalent oder auch Dummheit unterstellt wird. In Summe also lieber noch der kategorische Imperativ als der Titel „Gutmensch“. Nun bin ich jedoch kein Altruist und meine Absichten sind keine hehren Ziele, keine universal weltverbessernden Absichten und auch keine Inszenierung meiner Person, sondern vielmehr die stete Bemühung meine eigene sehr kleine Welt in einer Waage zu halten, die sich durch das einfache Prinzip Geben und Nehmen auszeichnet. Gelingt ab und zu, mal gut und mal schlecht.
Momentan eher schlecht in einer Situation in der ich mir eine subjektiv empfundene moralische Pflicht auf die Fahne schrieb, die ich nicht schultern kann und zu der Frage geführt wurde, wem ich etwas schulde und wer mir etwas schuldet. Wer darf mich ohne Wissen –aber mit Recht- kritisieren und wer darf massiv Entscheidungen anzweifeln und in diese eingreifen? Gute Freunde dürfen das, sofern qualifiziert als gute Freunde.
Der Soziologe Jürgen Habermas interpretiert den kategorischen Imperativ als Handlung, die dem öffentlichen Diskurs zur Überprüfung vorgelegt werden soll. Das heißt, dass nicht Jeder seinen eigenen kategorischen Imperativ entwirft, sondern vielmehr ein Konsens über eine bestimmte Handlung entstehen muss um diese als allgemein gültiges Gesetz zu bestätigen. Da ich vielleicht naiv, aber sicher nicht größenwahnsinnig bin, beanspruche ich folglich weder den kategorischen Imperativ noch die Moral für mich.
Ich geh noch ein bisschen Kant googlen, wer kommt mit?

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Politik

Hunde die bellen, beißen nicht. Oder?

Nachdem ich mich den ganzen Tag mit Herrn Wuff beschäftigt habe, verging mir jetzt die Lust. Eigentlich reicht es, er hat genug gesagt. Wirklich jetzt. Will dem noch jemand zuhören? Was war eigentlich mit Bettwäsche? Und Demut? Hä? Ein Bundespräsident macht sich zum Horst, die Bild ist vorübergehend enttäuscht, Herr Schönenborn erzählt was von vermeintlich repräsentativen Umfragen und einen Deppen im Dorf gibt es auch noch – fast vergessen.

Aber Herr Wuff hat ja für fünf Jahre die Verantwortung übernommen und will nach fünf Jahren eine positive Bilanz ziehen. Wenn er das positiv ummünzen kann, leistet er in der Tat großes. Bitte: Ich freu mich drauf. Es ist immer noch nicht aller Tage Abend. Ob jetzt Uns-Angela da heil raus kommt? Bei Gutti hat sie es geschafft, diesmal vielleicht auch. Mit der ihr eigenen etwas – ich sag mal – schnodderigen Art, weist sie ohne Frage einen sehr speziellen Charme auf, der wenig charismatisches erwarten lässt und somit auch kaum enttäuschen kann. Quasi gut. Die Strahlemänner strahlen eben mehr als sie leisten. Vielleicht liegt es an der maroden Atompolitik. Aus dem Ausstieg des Ausstiegs des Ausstiegs könnte man auch mal wieder aussteigen. Also, wirklich, mir vergeht die Lust.

Und eigentlich war es auch wie immer. Gabriel beschwört in gewohnter Manier die „Causa Merkel“, die Bevölkerung wohl gespalten und Parteifreunde zeigen sich versöhnt: „Er hat zu allen offenen Fragen ausführlich persönlich Stellung genommen, und er hat auch sein Bedauern über getroffene Fehlentscheidungen zum Ausdruck gebracht.“ (Gerda Hasselfeldt) Wann und wo genau?

Zugegeben: Soziale Netzwerke erlauben einen regen Austausch. Man nenne es Informationsaustausch, Polemik oder Hetzjagd – aber… so what? Kann man, muss man aber nicht drüber meckern. Stammtischparolen, Facebook-Threads oder Briefe (die Dinger, die man in den gelben Kasten steckt) – wo ist da der Unterschied? Wie im echten Leben: Alles immer zweimal schneller. Zur Not eben auch ganz einfach die Freundschaft kündigen. Alles ist möglich. Eine freundliche Ablenkung stellt die „Mailbox-Affäre“ allemal dar. Danke dafür.

Praesis, ut prosis. (Bernhard von Clairvaux)
Du sollst (nur dazu) an der Spitze stehen, um (anderen) zu nützen.

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Politik

2012, der Weltuntergang und der freie Wille

Alle gut ins neue Jahr gerutscht? Ich hoffe es.

Mal sehen, was das neue Jahr so bringt. Schwere Zeiten werden uns prognostiziert, die Neuverschuldung steigt nochmal um neun Milliarden und insgesamt wird lieber erst mal ein bisschen geschwiegen. Ist auch besser so. Fragt sich nur für wen.

Vielleicht rettet das Ende des Maya-Kalenders die eine oder andere Politikerkarriere, vielleicht rettet Harry Potter nicht nur England, sondern die Welt oder die Illuminaten reißen doch noch die Weltherrschaft an sich. Letztere forderten eine allgemeine Freiheit durch Sachkenntnisse. Bedeutet: Wir müssen die Welt kennen, um sie zu verstehen; in der Praxis, nicht in theoretischer Worthudelei.

Seit Benjamin Libet (http://www.philosophieverstaendlich.de/freiheit/aktuell/libet.html) weiß man, dass der freie Wille eher Konstruktion als Gewissheit ist, dass Entscheidungen unbewusst bewusst bzw. bewusst unbewusst gefällt werden und dass wir in aller Individualität so geformt, sozialisiert und geprägt sind, dass wir eher von einer Massenindividualität als von einer individuellen Individualität sprechen müssen. Folglich sind die Illuminaten irgendwie überholt. Aber deren Ziel war trotzdem nicht schlecht: Die Abschaffung der Herrschaft der Menschen über andere Menschen hat etwas wild-romantisches. Ich weiß nur nicht so recht, wie das funktionieren soll.

Obwohl ich heimlich auf Verschwörungstheorien stehe, erschließt sich keine ultimative Lösung, an den Weltuntergang will ich auch nicht glauben, bleibt in Summe also noch Harry Potter als Erlöser. Aber wer hilft dem Voldemort zu finden?

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Gesellschaft

2011 und der (Un-)Sinn eines Blogs

Vorgestern hörte ich einen Beitrag im Radio mit dem Motto „Beschleunigung 2011.“ Dieses Jahr regnete es Kernschmelzen, Krisen, Kriege, Stresstests, Tode, Revolutionen und Skandale. Kaum einer hatte die Chance auf Sendung zu bleiben.

Keiner nahm sich die Zeit innezuhalten um dem Event mit der notwendigen Ernsthaftigkeit zu begegnen. Im Gegenteil, wer sich allzu lange an einem Thema aufhielt wurde ausgelacht – wie antiquiert. Wer nach Fukushima auf die Straße ging, war hysterisch. Und wer sich immer noch gegen Stuttgart 21 wehrt ist ein Narr. Ein undemokratischer sogar, jawohl, denn da gab es doch eine Volksabstimmung. Bild legitimiert Gutti, Klein-Christian hat nur gespielt, Sigmar ist der neue Dan Brown und Angela freut sich über die Tötung von Obama – ähhh – Tschuldigung, Osama, meinte ich. Kommt da einer mit? Was ist eigentlich in Ägypten los? Syrien? Libyen? Noch jemand online? Die ersten „Welcome back“ Partys für die DM werden gefeiert, Putin kommt zurück und Gottschalk geht.

Mein eigenes Jahr war ziemlich gut, wenn auch zumindest zum Großteil nicht minder rasant. Ich erreichte vieles, hatte Visionen, Träume und Ziele. Die meisten sind geplatzt, aber alle waren gut. Ich integrierte mich in die mir angedachte Position innerhalb der Generation Praktikum, ärgerte mich über dörfliche Großstadtallüren, Profilneurosen, Neurosen und Neurotiker im Allgemeinen, über Ausbeutung, Unchancen und Fehlinformationen. Freundschaften kamen und gingen – es ist nicht aller Tage Abend. Und ich habe jetzt einen Blog; ich freu mich drüber. Manche lachen den Drang der individuellen Reproduktionsflut aus. Ich nicht, hier rede ich aus. Und weil ich so unheimlich demokratisch bin überlasse ich es auch jedem Einzelnen, ob er meine Worte lesen möchte.

Ich wünsche mir eine kurzfristige Vollsperrung auf der Autobahn, eine Chance innezuhalten um sich und die Welt anzuschauen.

Einen guten Start ins neue Jahr!

Eure Heike