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Neulich am digitalen Stammtisch…

DIE WELT titelt: „Flüchtlingsfamilie redet nur mit männlichem Makler“ und auf Facebook entsteht ein kleiner aber symptomatischer Dialog:

Eine Soroptimistin antwortet: „Leider haben sie es nicht anders gelernt. Sollten sie aber schnellstens tun oder schnell wieder gehen!“
Eine weitere Soroptimistin meint: „Der Artikel ging um eine Maklerin, deren Kunden sie nicht respektvoll behandelten Und somit gegen unser Grundgesetz der Gleichberechtigung verstossen haben. Dies dürfen wir in unserer Demokratie weder akzeptieren noch tolerieren. Und dafür setzen wir Soroptimistinnen uns unter anderem auch ein. Ich bin völlig Noras Ansicht. Refugees welcome – aber zu unseren Bedingungen. Grundgesetz und Menschenrechte sind zu achten. Wenn wir in fremde Länder reisen, müssen wir uns auch deren Regeln beugen oder einfach zu hause bleiben.“

„Eigentlich“ wollte ich mich aus dieser Diskussion zurückziehen. Gedanken wie, „das bringt jetzt nichts, ist sowieso sinnlos…“ schwirrten mir durch den Kopf. Was mich hier „auf die Palme“ brachte war, der von oben herab formulierte Satz: „Leider haben sie es nicht anders gelernt. Sollten sie aber schnellstens tun oder schnell wieder gehen!“ Fernab jeglicher Polemik, nahmen Bernd Ackermann, Heike und ich diese Auseinandersetzung zum Anlass, uns vertiefender mit der Thematik auseinander zu setzen.

Zur Klarstellung vorweg sei gesagt, dass das beschriebene Verhalten der Wohnungssuchenden und der Maklerin auf unterschiedlichen kulturellen Auffassungen fußt, hier von einem Verstoß gegen das Grundgesetz zu sprechen, halte ich für übertrieben und einer vertiefenden Auseinandersetzung abträglich. Ebenso halte ich es für einen gravierenden Unterschied, ob man sich mal eben als Tourist/in einer anderen Kultur anpasst, oder mit den eigenen kulturellen Ansprüchen in einer anderen Kultur dauerhaft lebt. Ebenso sollte man bedenken, welche allgemeingesellschaftliche Priorität wir diesem Artikel einräumen. Zusätzlich wäre zu hinterfragen inwieweit in diesem Artikel gefühlte Wahrheiten (Die Maklerin weiß, dass fast alle behaupten aus Syrien zu kommen, um sich bessere Chancen zu sichern) mit unreflektierten Problembeschreibungen vermischt werden.

Doch zurück auf „meine Palme“. Was dieser Satz verdeutlicht ist, dass ihm ein erheblicher Mangel an Interkultureller Kompetenz innewohnt. Der Begriff ist nicht neu, legen doch schon seit Jahren global agierende Unternehmen Wert darauf ihre Mitarbeiter durch gezielte Schulungsmaßnahmen dahingehend zu trainieren. In zahlreichen Vorträgen auch an Universitäten lernen wir: Interkulturelles Bewusstsein schließt Bewusstsein der Vielfalt mit ein.

Was hat dies mit den Asylsuchenden zu tun, fragt sich wohl nun der/die geneigte Leser/in.
Hierzu zitiere ich aus einem Zeit-Artikel:
„Flüchtlinge sind Menschen, sind Individuen. Vor allem sind sie extrem verunsichert (auch wenn sie nicht immer so wirken; das gilt ausdrücklich auch für junge, alleinreisende Männer!) – und sie kennen sich hier nicht aus. Wenn Politiker wie zum Beispiel Julia Klöckner jetzt als erstes über Selbstverpflichtungen zur Integration und Bekenntnisse zum Grundgesetz sprechen, ist das abstrakt und wenig hilfreich. Gute Erfahrungen bringen mehr als erhobene Zeigefinger. Für Flüchtlinge aus dem Nahen Osten, die nur korrupte Regime kennen, ist es jedes Mal eine Offenbarung, wie korrekt deutsche Polizisten mit ihnen umgehen. Informationen, auch über das Grundgesetz und hier geltende Werte, müssen hingegen erst einmal verfügbar sein…“

In Wikipedia lernen wir: „Der Prozess der Integration von Menschen mit Migrationshintergrund besteht aus Annäherung, gegenseitiger Auseinandersetzung, Kommunikation, Finden von Gemeinsamkeiten, Feststellen von Unterschieden und der Übernahme gemeinschaftlicher Verantwortung zwischen Zugewanderten und der anwesenden Mehrheitsbevölkerung. Im Gegensatz zur Assimilation (völlige Anpassung), verlangt Integration nicht die Aufgabe der eigenen kulturellen Identität. Erfolgreiche Integration oder besser: Vernetzung, funktioniert nur auf der Grundlage der Anerkennung von Heterogenität. Homogenitätsstreben – von welcher Seite auch immer – provoziert Gefahren der Identitätspreisgabe.“

Unsere Gesellschaft hat sich verpflichtet Menschen in Not Asyl zu gewähren. Dass daraus resultieren muss, sich über deren Folgen klar zu werden ist unbestritten. Viele Menschen werden für längere Zeit hier bleiben, oder auch für immer. Wie wir damit umgehen wollen muss jetzt gemeinsam erarbeitet werden. Es wird höchste Zeit, denn die permanente Weigerung, gerade aus CDU/CSU Kreisen, der schon seit Jahrzehnten erfolgten Zuwanderung den nötigen Rahmen zu verschaffen, hat zu der derzeitigen Situation geführt.
NRW hat (nach dem Berliner Senat 2010) im Februar 2012 das „Gesetz zur Förderung der gesellschaftlichen Teilhabe und Integration“ beschlossen. Weitere Bundesländer werden nachfolgen müssen, denn nur so wird ein gedeihliches Zusammenleben gelingen.

Auf unserem Blog hat sich Bernd eingehender dem Thema angenähert. Den Link hierzu hänge ich meinen Ausführungen an. Ebenso verlinke ich auf einen Youtube Beitrag von IntercultureTV, der sich auf spielerische Art und Weise mit dem Thema „Interkulturalität“ auseinander setzt.

Menschenrechte fördern setzt Interkulturelle Kommunikation voraus. Hier hätte ich mir von Soroptimistinnen „eigentlich“ mehr erwartet, als das zusehends lauter werdende: „Alle ganz schnell in ein möglichst fernes Land zu schicken.“

Eure Dachfarmerin

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Migration, Integration, Assimilation, Frustration

In den virtuellen Selbstinszenierungsplattformen unserer Wahl sehen wir scharenweise Experten für dies und jenes. Experten für Mode, Autos, Kochen, Sport und Immobilien, aber auch und insbesondere Experten für Politik, Wirtschaft und Kultur. Und die überwiegende Mehrheit ist ja offenkundig dieser Tage Experte in Sachen Migration. Die Migrations-Experten bevölkern die digitalen Hügel wie dereinst das Publikum des Juden Jesus von Nazareth. Nur leider haben sie kein Ohr für so einfache wie universelle Inhalte wie sie auch 2000 Jahre nach deren Verkündung noch nicht Eingang in unsere Herzen und Gesetze fanden. Wer sich, wie es Jesus empfiehlt, barmherzig zeigt, ist ein Gutmensch. Seine (des Gutmenschen) Naivität und Weltfremdheit wird verspottet und gar zur Ursache für das unweigerlich nahende Ende des christlichen Abendlandes erkoren. Weite Teile der Politik der Europäischen Union, wie auch der einzelnen Mitgliedsstaaten, aber insbesondere der überwiegende Teil der Bevölkerung wähnt sich im Recht, wenn es um die Aufnahme von Flüchtenden aus den Krisenherden der Welt geht. Begrenzung, Abschiebung und Eindämmung sind häufig zu lesende Schlagworte. Und wenn es zum Äußersten kommt, der Aufnahme von Flüchtenden, dann wird über Integration doziert, dass sich die Balken biegen. Wobei es erstaunt wie dürftig die Bereitschaft vorhanden ist, sich etwas genauer mit den Begriffen und den zugrunde liegenden Konzepten auseinanderzusetzen. Da wird munter fabuliert über Integration, gemeint ist in aller Regel Assimilation. Da wird über Menschenrechte und das Grundgesetz, emanzipatorische Themen und Glaubensfreiheit sowie Gerechtigkeit gesprochen, ohne dabei das Ganze in einen vernünftigen Rahmen zu setzen. Ein gesamtes Bild kann so nicht entstehen.

Ob in der digitalen Sphäre oder beim Plausch mit Freunden und Bekannten. Es wird zusehends unerträglicher wie sich die Herzen einengen und das wahre Gesicht einer Gesellschaft sichtbar wird, die sich selbst kaum noch aushält. Im Optimierungs- und Inszenierungswahn dieser Tage wird klar, wer der große Gewinner sein wird. Das Ich. Unweigerl-ich. Oder, um einen anderen Werbespruch anzudeuten: Das Wir verliert. Wer sich im Jahr 2015 noch immer dem Gedanken verschließt, dass es neben dem abstammungs- oder sprachgemeinschaftlichen Staatsbürgertum auch Konzepte geben kann, die gemeinsame politische Werte wie Demokratie und Meinungs- und Glaubensfreiheit in den Vordergrund stellen, dem kann man keine ernsthaften Absichten unterstellen. Klar ist, dass es außer dem staatlichen Gewaltmonopol und der Einhaltung der universellen Menschenrechte keine verbindlichen Werte geben kann, die als Voraussetzung dienen, eine Zugehörigkeit einzelner zu einer Gruppe (Staatsbürger) zu begründen oder zu verweigern. Flüchtende sind in diesen Tagen gerade mit dem Ziel unterwegs, recht- und schutzlose Gebiete zu verlassen und Zuflucht zu finden in Gebieten, die ihnen genau das bieten: staatliches Gewaltmonopol und Einhaltung universeller Menschenrechte. Wir haben also alle ein gemeinsames Anliegen. Kein Flüchtender kommt hierher und nimmt den zumeist äußerst beschwerlichen Weg in Kauf, um hier für Unsicherheit zu sorgen. Das ist so einleuchtend, dass es sogar ein Bundesinnenminister verstehen könnte.

Was wollen wir eigentlich so krampfhaft vor den „Fluten“ der Flüchtenden schützen? Klar. Es ist nicht unser Geld – wir spenden und helfen ja ganz toll. Niemand hat Angst davor einen Teil seines Vermögens für jene zu geben, die nichts oder wenig haben. Wir alle haben unsere Gästezimmer und Eigentumswohnungen unentgeltlich den Ausländerbehörden angeboten, um sie mit Flüchtenden zu füllen. Wir gehen auf Vorträge um uns über Flüchtlingspolitik zu informieren. Unsere Vereine machen Spendenaufrufe, wir besuchen Moscheen und Sammelunterkünfte – es ist doch alles ziemlich prima, nicht wahr? Gut. Selbst wenn alles hier aufgezählte tatsächlich in weiten Teilen der Gesellschaft stattfände, selbst dann bliebe uns sicherlich trotzdem noch ein ziemliches Unbehagen. Was wird sich ändern? Deutschland, heißt es auch aus Politikerkreisen, wird sich ändern. Es ist die größte Herausforderung seit dem Fall der Mauer oder gar seit dem Ende des 2. Weltkrieges. Solche und ähnliche Aussagen beunruhigen uns, weil wir Angst vor Veränderungen haben, gerade vor jenen, die wir nicht planen und voraussehen können. „Dass nichts bleibt wie es war“, singt Hannes Wader 1982, und hat natürlich auch heute noch damit recht.

Unsere Demokratie in Gefahr zu sehen, weil sie sich verändern könnte, ist der Beginn eines totalitär „demokratischen“ Absolutismus, der zu nichts führt außer zu Problemen. Nur der Wandel und die ständige Anpassung unseres Rahmenwerks an die tatsächlichen Begebenheiten sichern uns vor zukünftigen Gefahren. Lassen wir uns nicht entmutigen durch die Kakophonie einwärts gewandter Egomanen. Seien wir barmherzig im Sinne der jüdisch-christlichen Bergpredigt, seien wir offen für Neues. Nur das konstruktive Beschäftigen mit dem Neuen wird uns retten. Und lasst uns beherzt auftreten wenn die Wölfe im Schafspelz anfangen zu heulen.

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Austerität und Kuscheln

heute: Sparsamkeit, oder wie lässt sich moralische Integrität mit den Prinzipien der Austerität vereinen

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass alles Übel irgendwie von weit weg herkommt. Kurseinbrüche haben ihren Ursprung in Peking oder New York, der Krieg im Osten der Ukraine hat seinen Ursprung in Kiew und Moskau, die Treibhausgase werden in den USA und China emittiert. Alles schön weit weg. Hat nichts mit uns zu tun, das liegt auf der Hand.

Und ja. Die Flüchtlinge kommen ja auch aus fernen Ländern hier her. Wir kümmern uns vorbildlich und ehrenamtlich. Wenn sich PolitikerInnen an den Schauplätzen fremdenfeindlicher Übergriffe einfinden um ihre Solidarität zu bekunden ohne gleichzeitig allzu viele Wählerstimmen zu verlieren, dann hört man oft, dass Deutschland ein weltoffenes Land ist. So wie 2006 „die Welt zu Gast bei Freunden“ war, so sind neun Jahre später Flüchtlinge willkommen – Refugees Welcome. Ein herzliches Hallo, Bienvenue und Welcome an alle die hier her kommen. Heerscharen freiwilliger Helfer fallen über die Neuankömmlinge her, um sie bestens zu versorgen.

Glaubt Ihr nicht? Ich auch nicht.

Da ist wohl eher der Wunsch der Vater des Gedankens. Vielleicht denkt sich der eine oder andere Politiker, dass wenn schon Verwaltung und Politik offensichtlich versagen, dann können es ja die BürgerInnen wieder richten. Obgleich das auch nur eine Nebelkerze ist, die im Frühnebel des aufziehenden Tages gezündet wird, der mit der völligen Entdemokratisierung am Abend endet. Oder ist es doch eher der basisdemokratische Wille des Volkes, dass Deutschland eine empathiefreie Zone wird?

Das wird man sehen. Niemand kann so richtig vorhersagen, wohin uns besorgte Bürger, Asylkritiker, NPD’ler, die PEGIDAs mit ihren lokalen Abteilungen oder einfach der normale Nachbar von nebenan und der Onkel aus Buxtehude bringt. Wer ist heute in der Mehrheit – wer übernimmt morgen die Meinungsführerschaft? Manchmal glaube ich, es braucht nicht viel um die Stimmungslage in Deutschland so ins Wanken geraten zu lassen, dass sich totalitäre Strukturen aufbauen können.

Freunde. Back to topic. Was ist jetzt mit der Austerität? Das ist ein Gedanke der mich seit längerem umtreibt. Wieso sind denn die Nachrichten voll mit den Schreckensnachrichten und Wortungetümen über die derzeitige Lage von Flüchtlingen. Worüber wird im Kern am meisten berichtet? Über die Gründe und Ursachen von Migrationsbewegungen, über die globale Dimension der aktuellen Flüchtlingsbewegungen oder über die Sorgen und Ängste derer, die gerade nicht flüchten? Richtig! Das letztere ist der Schwerpunkt unserer Aufmerksamkeit. Wir schauen uns jene an, die gerade nicht flüchten und dort wohnen, wo Flüchtende sich Aufnahme und Zuwendung versprechen.

Aber ist das nicht völlig absurd? Wir sorgen uns um die Sachsen und Dunkeldeutschen im Gesamten. Wir sorgen uns um die geschundenen Polizisten, die ein wenig von den besorgten Nazis angepöbelt und natürlich von den ach so staatsfeindlichen Antifas terrorisiert werden. Und wir sorgen uns manchmal irgendwie auch ein bisschen um die eigentlich Betroffenen: die Flüchtlinge. Es macht aber auch viel mehr Spaß über die doofen Ossis mit ihrem spektakulär lustigen Dialekt herzuziehen oder die Mauer wieder aufbauen zu wollen bzw. den lakonischen Verweis darauf herzustellen, dass man den Ossis 1990 ja auch geholfen hat.

Bullshit Freunde! Wir müssen dringend von dieser Straße abbiegen, die führt zum Abgrund. Wir dürfen nicht länger dem Auseinanderdriften unserer Gesellschaft Vorschub leisten, indem wir das Trennende betonen. Es gibt genug Gemeinsames für das wir uns stark machen können. In Dresden und Heidenau gibt es mehr als genug redliche Menschen, die sich schämen für diejenigen die offen ihre menschenverachtenden Parolen gröhlen. In den fünf „neuen“ Bundesländern gibt es keine grundlegend andere Haltung zu Flüchtlingen als im Rest der Republik. Die Ursachen warum in den Medien jene Ereignisse die sich im Osten abspielen prominenter behandelt werden lässt sich nur schwer ergründen. Vielleicht verkauft es sich besser wenn im Osten ein Asylbewerberheim brennt, als wenn es in der rheinland-pfälzischen Vorderpfalz brennt. Die ostdeutschen Nazigruppen sind auch bestimmt viel interessanter als die vorderpfälzischen Nazischergen des 3. Wegs. WTF? Vielleicht ist es einfach so, dass Ostdeutschland eben doch noch nicht so ganz zum Rest der Republik dazugehört und dass man den gesellschaftlichen Sondermüll am liebsten dort entsorgt. Wir Deutschen wären ja ganz tolle Gastgeber, wenn es doch nur die Ossis nicht gebe…

Also, ich meine, dass etwas mehr Sparsamkeit oder auch strenge unbiegsame Hartnäckigkeit der Tugend und Moral, helfen könnte. Bevor wir mal wieder über die Strenge schlagen und dumpfe Parolen mit ebenso dumpfen Gegenparolen parieren, können wir kurz warten und nachdenken. Muss ich das Posting jetzt wirklich gleich erwidern. Kann ich die Wahl meiner Worte überdenken, um vielleicht doch noch etwas zum Guten zu ändern? Oft sitze ich neben meiner angebeteten Gefährtin, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, jeden Tag zu versuchen eine Seele zu retten. Sie macht das in Facebook und sucht sich offenkundig junge Menschen, die sich eindeutig oder latent menschenverachtend äußern, um in den Dialog mit Ihnen zu kommen. Äußerst höflich und respektvoll begegnet sie ihnen. Legt einen Grund nach dem anderen dar, wie man diese oder jene Sache auch anders betrachten kann. Oft sitze ich nebendran und schüttele stumm den Kopf vor soviel Geduld und Langmut. Aber nur so lange bis mein Kopf nicht mehr schüttelt sondern vor lauter Anerkennung wie von Geisterhand beginnt zu nicken. Sie hat schon viele argumentative Scharmützel in Facebook erlebt, die meisten jedoch verliefen ruhig und besonnen. Meine allergrößte Hochachtung ist ihr nicht nur deswegen auf ewig gewiss.

Und so verstehe ich auch die Idee mit der Austerität. Sparsam, streng, tugendvoll und moralisch – so sollten wir jenen begegnen die anderer Meinung sind. Nur mit Geduld und auch einer Portion Liebe lassen sich große Veränderungen herbeiführen oder verhindern, je nachdem. Natürlich gibt es auch unbelehrbare Arschlöcher, denen man am liebsten eine in die Fresse hauen will. Wahre Stärke wird dann offenbar, wenn man es trotzdem nicht tut.

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Überall Flüchtlinge?

Flüchtlinge wo man hinschaut. Überall Flüchtlinge. Schon beim Verlassen der Wohnung muss ich mich durch Horden von Menschen kämpfen, die mir den Weg in den Supermarkt oder meinen geliebten Baumarkt verstellen. Und auch dort stehen sie rum, sprechen in mir fremden Sprachen miteinander, machen sich bestimmt über mich lustig. Telefonieren mit ihren Smartphones, einige lachen -bestimmt über mich-,  gehen in dem selben Markt einkaufen. Bald gibt es keinen Platz mehr für mich. Aaaaaargh. Und die Nachrichten sind voll von Meldungen über sie. In Griechenland und in Italien kommen sie an, in Serbien und Ungarn werden sie aufgehalten. Nach England, Schweden oder Deutschland gelangen sie dann irgendwann, zwar nicht alle – aber immerhin genug um meine liebe Ruhe hier zu stören. Dann stehen sie hier in langen Schlangen und nehmen mir auch noch den Sonnenschein, machen mir Schatten. Die kaufen mir noch die letzte Packung Milch weg oder das letzte Päckchen Stahlnägel im Baumarkt. Von den Rasenmähern und Blumentöpfen ganz zu schweigen. Die kaufen mir alles weg.  Alles.

Jetzt mal im ernst Freunde. Wenn man die meisten der vielen tumben analogen und digitalen Stammtischgröhler nicht mit der Nase auf die ansteigenden Zahlen von Flüchtlingen stoßen würde, dann würden sie es wohl kaum bemerken. Was ändert sich denn durch die in diesem Jahr angestiegene Zahl von Flüchtlingen für uns Eingeborenen? Haben wir ernsthaft mit irgendeiner Veränderung in unserem vergleichsweise beschaulichen und friedlichen Leben zu tun? Dass es für viele Eingeborene in Deutschland schwer ist seinen oder ihren Lebensunterhalt zu bestreiten ist offenkundig. Aber es ist kein Problem, dass Flüchtlinge oder Zuwanderer zu verantworten haben. Es ist vielmehr ein seit Jahren bis zur Unkenntlichkeit geschwundener Sozialstaat, der sich marktkonformisierte. Der Auftraggeber politischen Handelns hat gewechselt. Es ist nicht mehr der Pöbel (also wir) der alle vier Jahre eine neue Auftragsbestätigung in den Bundestag schickt. Politisches Handeln hat seit Jahren (seit Brandts Kanzlerschaft) einen Aufsichtsrat mit vielschichtigen Interessen bekommen. Verbände und Verbünde mit allerlei Wünschen bestimmen nun permanent und effizient wie sich Deutschland und Europa gestalten.

Back to Topic: Flucht und Vertreibung haben wir ja nicht erfunden. Obgleich es uns zuzutrauen wäre. Doch als Deutsche haben wir, nun ja, sagen wir wir mal… eine gewisse Expertise. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren knapp 25.000.000 Menschen auf deutschem (und ehemals deutschem) Gebiet auf der Flucht bzw. auf dem Weg nach Hause nach der unbeschreiblichen Hölle deutscher Internierung, Zwangsarbeit und Folter in den Konzentrationslagern. Wer das überlebt hat wollte so schnell wie möglich nach Hause – wenn es das noch gab. Also: Ich habe das mal nachgeschlagen: Ganz knapp zusammengefasst: Die Hälfte wollte raus aus Deutschland, die andere Hälfte wollte bzw. musste rein. Wie haben wir also nach dem Krieg gut 12.000.000 Menschen die aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße-Linie zu uns kommen mussten aufgenommen? Es ist kein großes Rätsel: fast genauso beschissen wie es sich heute mit den Flüchtlingen aus Afrika und dem Nahen Osten darstellt. Obwohl sie ja an sich die ‚richtige‘ Staatsangehörigkeit besaßen, waren da wohl noch so einige Untermenschenaspekte aus der völkisch deutschen Rassekunde am wirken.  Dossier bpb

Meine liebe Großmutter und eine stattliche Anzahl ihrer Geschwister haben eine ungeheuerliche „Reise“ auf sich genommen um aus ihrer schlesischen Heimat nach Westdeutschland zu kommen. Schon damals war die Prozedur wie heute. Erstaufnahmeeinrichtung, Registrierung – Bürokratie. Nur Bürokratie… keine Unterstützung bei der Suche nach den auf dem Weg verlorenen Geschwistern (ein Bruder wurde nach fast 60 Jahren wieder gefunden), kein Wort des Mitgefühls, kein Wort des Trostes. Gut. Fast jeder kennt solche Geschichten von den Großeltern oder Urgroßeltern. Und fast jeder weiß, dass sich unsere Omis und Opas in der Regel hierzu nicht sonderlich äußern. Wie auch. Die Scham darüber aus einem intakten und geliebten Umfeld gerissen worden zu sein und in der neuen Heimat nie vollständig Fuß gefasst zu haben wiegt schwer. Meist zunächst als Landarbeiter oder Reinigungspersonal und später dann in den 60er und 70er Jahren als Fabrikarbeiter eingesetzt, konnte sich ihr Lebensentwurf nicht so entwickeln wie der von uns Eingeborenen. Wir sitzen hier mit unseren dicken Hintern auf Tausenden von Möglichkeiten.

Angemerkt: Es ist natürlich jedem überlassen Möglichkeiten zu nutzen oder sie verstreichen zu lassen.
Angemerkt II: Wer denkt seine Möglichkeiten sind eingeschränkt weil die Zahl von Flüchtlingen in diesem Jahr gestiegen ist, der sollte das klar benennen können. Mir jedenfalls fällt nichts dazu ein.

Selbst wenn wir uns einschränken müssten, um die gestiegene Anzahl an Flüchtlingen zu gut zu versorgen: Haben wir eine Alternative? Nein!
Gründe:
1. Deutschland hat so viel Leid über die ganze Welt gebracht, dass man es in diesem Erdzeitalter nicht wieder gut machen kann. Es ist nicht gut zu machen. Und deswegen haben wir die Aufgabe alles in unserer Macht stehende zu tun, jetzige und künftige Not zu lindern.
2. Deutschlands Wirtschaft ist außerordentlich erfolgreich. Unser Erfolg beruht heute noch auf dem erschütternd erfolgreichen Wirken von Thyssen und Krupp, von Bayer, Höchst und BASF, von all diesen Industriegiganten die im Dritten Reich keine roten Zahlen schrieben, obwohl das Blut von Zwangsarbeitern ihr Schmierstoff war.
3. Und wem die Dritte-Reich-Nummer und das mit dem Blut zu drastisch war: Deutschland verdient sich heute noch dusselig mit inhumanen Geschäftspraktiken, mit Dumpinglöhnen und erpresserischem Gebahren. Unsere Banken finanzieren alles und jeden. Solidarität mit europäischen Partnerländern? Griechischer Staat, französische Bauern… pah, Schulterzucken und weiter gehts.
4. Das verdient auf jeden Fall eine besondere Erwähnung: Nach den USA und Russland ist Deutschland der größte Waffenlieferant der Welt. Das ist nicht nur vor dem historischen Hintergrund dieses Landes eine große Scham. Deutsche Waffenexporte sind ein wichtiger Grund, warum Lebensgrundlagen in vielen Teilen der Erde zerstört werden. Und daraus wiederum resultiert Flucht.

Mal so zwischendrin: Freunde. Natürlich gibt es viele Staaten die mit der gleichen Rücksichtslosigkeit Geschäfte machen. Doch so erschreckend effizient wie wir sind nicht viele. Und von dieser ökonomischen Kaltschnäuzigkeit profitieren wir alle. „Ob als Penner oder Sänger, Banker oder Müßiggänger, ob als Priester oder Lehrer, Hausfrau oder Straßenkehrer“ („Sage nein“, Konstantin Wecker) jeder profitiert vom Reichtum dieses Landes auch wenn er ungleich verteilt ist. Wir leben zwar gewiss nicht alle gleich gut hier, doch wir leben hier gut genug um anderen Hilfe nicht zu verwehren.

Die Liste an Gründen weswegen wir helfen müssen, lässt sich gewiss noch um einiges erweitern. Das hier ist meine ganz persönliche Hitliste. Und abschließend: Es braucht keinen einzigen Grund, Menschen in Not zu helfen. Wir müssen bedingungslos und grundlos helfen. Warum? Es ist das was uns zum Leben erweckt, was uns besonders macht. Es ist die Grundlage unseres Glaubens, unseres Lebens und unserer Zukunft.

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Der Hashtag des Tages

Wie sieht eigentlich Apokalypse aus?

Nun, das weiß ja niemand so richtig, denn das mit der Apokalypse gab’s ja noch nie. Wir können es uns nicht vorstellen was es bedeutet wenn die Welt untergeht. Wenn aus allen Ritzen der Erde Flammen züngeln, schwarze Rauchwolken das Licht der Sonne verdecken, Hitze und Kälte aufeinander prallen und keine Hoffnung mehr besteht. Das Ende der Welt sieht für jeden anders aus. Doch zum Glück sind wir da weit entfernt von. Ganz weit entfernt. Ganz weit.

Heute herrschen Solidarität und Nächstenliebe. Wir unterstützen uns gegenseitig in unserem gemeinsamen Streben nach mehr Weltfrieden. Zehntausende demonstrieren dort wo es noch nicht jedem bewusst ist, dass nur die Offenheit und Liebe zählt. Wir singen und schreien an gegen Ungerechtigkeit und Hartherzigkeit und Tausende singen und schreien mit.

Unsere Türen stehen offen und die Freude über das Kommende und die Bereicherung durch das Neue klingt hell wie eine Sinfonie in unseren Ohren. Auch wenn sich der Januar dem Ende zuneigt und die winterlichen Winde sich schon bald ersterbend dem Lenz ergeben werden, auch wenn es noch kalt ist draußen, so ist es doch ein stetig wachsender Lichtstreif der Hoffnung, dass wir noch enger zusammen stehen und uns und anderen helfen, die Welt noch besser zu machen. Jeden Tag. Auch heute am 27. Januar 2015. In Dresden, in Facebook, in Twitter, in Ceuta und Melilla, in Berlin und Athen, in Moskau und Kiew, in Kabul und Langley, in Hoyerswerda und Mölln, überall auf der Welt herrscht Einigkeit:

Der heutige Hashtag lautet: #Auschwitz

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Bundeswehr an Schulen

Die Bundeswehr darf an Schulen über ihre Arbeit (…) informieren. Hintergründe dazu z.B. unter:

http://www.tdh.de/was-wir-tun/themen-a-z/bundeswehr-an-schulen.html

http://lsvnrw.de/themen/151

http://www.taz.de/!115942/

http://www.gew.de/Bundeswehr.html

uvm.

Gestern Abend war in Darmstadt eine Podiumsdiskussion zum Thema Bundeswehr an Schulen geplant. Auf Grund mangelnden Besucheransturms wurde die Podiumsdiskussion zu einem ‚Hocketse‘. Neben den Veranstaltern und Rednern und deren Assistenten verirren sich ein besorgter Vater, eine empörte Bürgerin und ich in die Runde. Drei Gäste, ein Gastgeber, zwei Rednerinnen und fünf mehr oder weniger interessierte Parteimitglieder der Linken. Alles noch kein Grund zu verzagen, schließlich war die Chance etwas zu lernen und zu erfahren zu dem Zeitpunkt noch nicht eliminiert. Die eher vage Einführung und der Überblick, den die extra angereiste Bundeslinke gibt, schmälern dann die Erwartungshaltung. Der besorgte Vater fragt: „Was kann ich tun, dass mein Sohn nicht am drohenden Besuch der Jugendoffiziere teilnehmen muss?“ Nun, terre des hommes formulierte einen rechtlich einwandfreien Brief, den möge er sich aus dem Internet ausdrucken, ansonsten möge er sich doch bitte im Schulelternbeirat engagieren um dort eine Zivilklausel in die Schulordnung aufnehmen zu lassen. Wirklich gewundert, dass der besorgte Vater vorzeitig die Veranstaltung verlässt, habe ich mich nicht. In dieser überschaubaren Runde sollten eigentlich die „Überzeugten“ sitzen (vor allem, weil die Nicht-Überzeugten erst gar nicht kamen). Trotzdem folgten von den sogenannten Überzeugten immer wieder Todschlagargumente:

1. Der GEW-Abgesandte erklärt, dass obwohl zirka 30% aller LehrerInnen in der GEW organisiert sind, sie durch die stetig wachsende Beanspruchung durch den Schulalltag nicht in der Lage sind, initiativ sich gegen Bundeswehr-Veranstaltungen an Schulen zu engagieren.

2. Der Moderator der Veranstaltung berichtet von seinem Schulabschluss Mitte der 80er Jahre. Damals habe die Bundeswehr einen extatischen Zulauf erlebt. Die Methoden der Bundeswehr haben sich nicht verändert, sondern lediglich die gesellschaftliche Wahrnehmung. Nun, das ist seine Geschichte – es gibt auch andere. Und persönlich freut es mich sehr, dass sich die gesellschaftliche Haltung hinsichtlich gewaltverherrlichender Rekrutierungsmaßnahmen heranwachsender SchülerInnen wandelt.

3. Der Vorschlag der Landeslinken, im Bundestag einen Antrag auf ein Verbot von Bundeswehrveranstaltungen an Schulen zu stellen, wird von der Bundeslinken abgeschmettert, weil den Linken ohnehin kein Gehör geschenkt wird. Die Landeslinke wollte durch ihren Antrag eine Positionierung der übrigen Parteien vor der anstehenden Wahl bezwecken. Nun, liebe Bundeslinke, es stimmt, dass den Linken kein Gehör geschenkt wird; besonders dann, wenn sie ihre Anträge nicht mal formulieren.

4. Innerhalb der Diskussion wurde klar festgehalten, dass auf Grund der rhetorischen Exzellenz der Jugendoffiziere sich eine Auseinandersetzung bzw. Diskussion ob der zwangsläufigen Unterlegenheit nicht lohnt. Bitte? Unsere PolitikerInnen und LehrerInnen trauen sich nicht in Diskurs mit den Jugendoffizieren zu gehen?

5. Wer sind denn eigentlich die Jugendoffiziere? Wer versteckt sich dahinter? Dieser Frage könne nach gemeinsamem Konsens der Anwesenden nicht nachgegangen werden. Eine einfache Recherche in Facebook, XING und Co. ergab exemplarisch, dass sich der Leiter der Abteilung Personalanwerbung und Personalbeschaffung als Jugendoffizier verkauft. Und Jugendoffiziere dürfen nur informieren und nicht werben. Insgesamt gibt es 90 hauptamtliche Jugendoffiziere, der zeitliche Aufwand ist zwar groß, aber nicht unleistbar.

Offensichtlich kann die Politik weder einen organisierten Widerstand leisten, noch einen ordentlich recherchierten und fundierten Ist-Zustand dokumentieren. Den LehrerInnen ist ebenfalls ihre eigene Fürsorgepflicht an ihren SchülerInnen nicht zuzumuten.

Was neben diesen vielen Untätigkeiten meine eigene Frustrationstoleranz überreizt hat, war die fast schon gelangweilte Gleichgültigkeit mit der auf eigene Fragen und Anliegen nicht reagiert wurde. War es mir ein persönliches Anliegen über Bundeswehrveranstaltungen an Förderschulen zu sprechen, über das Andocken des Bundeswehr-Planspiels Pol&IS an andere schulische Aktivitäten ohne Kennzeichnung der Herkunft dieses amüsanten Spiels oder über vernünftige Altersgrenzen, so wurde ich dezidiert enttäuscht. Die empörte Bürgerin schrieb einen Brief an die amtierenden Kultusminister. Nett, aber uninteressant – für die Anwesenden.

Das Thema Bundeswehr an Schulen ist ein netter Aufhänger, gut für das Image der Linken. Nicht mehr und nicht weniger. Ein Blumentopf ist mit dem Thema nicht zu gewinnen.

A propos gewinnen… Quizfrage des Tages:

Welches Wort passt nicht in die Reihe: Exekutive – Legislative – Initiative – Judikative?

Zu gewinnen gibt es heute einen fünftägigen Ausflug mit den Gebirgsjägern auf Minensuche. Einsendungen bitte an irgendwen.

»Ja. Weil das gar keine Wahl ist«, sagt das Känguru. »Das ist nämlich nur ein Demokratietrugbild, eine Abstimmungsattrappe, eine Volksherrschafts-Fata-Morgana. Kurz gesagt: nur der Schein einer Wahl, oder, um den offiziellen Terminus zu verwenden: ein Wahlschein.«
»Ein Wahlschein?«, frage ich.
»Das ist, als ob du in den Supermarkt gehst und da wählen kannst zwischen der Tütensuppe von Maggi und der Tütensuppe von Knorr, aber in Wirklichkeit ist alles Nestlé. Der Wahlschein suggeriert Freiheit, aber in Wirklichkeit sage ich dir: Alles Kapitalismus, alles Nestlé, alles Hähnchen. Da ich nun aber generell keine Tütensuppe essen will, ist mir die Markenwahl im Supermarkt eben schnurzpiepe.«

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Bundeswehr raus aus den Schulen

olivSeit einiger Zeit empfinde ich heftiges Unbehagen über die Ausrichtung der Werbemaßnahmen der Bundeswehr an Schulen.

Man muss nicht allzu lange recherchieren, um sich ein Bild zu machen, wie sich die Bundeswehr bei jungen Menschen gerne darstellt. Aufwändige Print- und Onlinekampagnen die im Kern Abenteuerlust, Technikversessenheit und Kameradschaft ausstrahlen. Diese Schlagworte jedoch beschreiben die Arbeit in der Bundeswehr wohl nicht ausreichend genug. Die Arbeit der Bundeswehr wird konnotiert mit Assoziationen von Freiheit, Abenteuer, Spaß, Karriere, Technik, Tradition und dergleichen. Negative Aspekte werden nicht kommuniziert. Dabei richtet sich die Werbung an eine Zielgruppe, die zu jung ist, um sich ein vollständiges individuelles Bild machen zu können. Es gibt zahlreiche Beispiele von Einzelmaßnahmen die sich gezielt an Minderjährige wenden. Einige davon sind durchaus bemerkenswert. So unter anderem die Klassenfahrt einer neunten Klasse in eine Kaserne, in der ca. 15-Jährige in Uniform mit Panzern und sonstigen Waffen konfrontiert und fotografiert werden und gar auf der Webseite www.bundeswehr.de und der Facebook-Seite Bundeswehr-Karriere veröffentlicht werden.

Wie sich mir die Bemühungen der Jugendoffiziere und Karriereberater der Bundeswehr darstellen:

  • Es ist auffällig, dass die Bundeswehr erhebliche finanzielle und personelle Mittel darauf verwendet Nachwuchswerbung zu betreiben.
  • Die Nachwuchswerbung lässt sich selten von reiner Informationsarbeit abgrenzen.
  • Aus öffentlich zugänglichen Quellen ist zu entnehmen, dass die Bundeswehr Werbung bei Minderjährigen betreibt.

Diese Umstände veranlassten mich, an die für Bildung zuständigen Ministerien der 16 Bundesländer, eine Briefaktion zu starten.

Hier, exemplarisch, der Brief an Frau Doris Ahnen (Ministerin für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur, RLP):

Sehr geehrte Frau Ministerin,
sehr geehrte Frau Ahnen,

ich schreibe Ihnen heute um Ihre Aufmerksamkeit auf ein Thema zu lenken, welches seit einer Pressemeldung über den Aachener Friedenspreis an Bedeutung für mich gewinnt. Mir geht es um Veranstaltungen der Bundeswehr an Schulen und Hochschulen.
Es fiel mir bei Recherchen auf, dass die Methoden von sogenannten Jugendoffizieren der Bundeswehr differenzierter und intensiver stattfinden als ich dies angenommen habe. Mir stellt sich die Frage ob alle Maßnahmen und Methoden wie sie derzeit angewandt werden auch legitim und moralisch vertretbar sind.
Die Informationsveranstaltungen der Bundeswehr vermitteln durchgehend ein Bild, als sei die Bundeswehr ein „normaler“ Arbeitgeber. Es werden Argumente für die Bundeswehr angeführt, die man durchaus als Lockangebote bezeichnen kann. Möglichkeit des Studiums, langfristige Beschäftigungsgarantie, hervorragende Aufstiegsmöglichkeiten und dergleichen. Zielgruppe der Ansprache sind junge Menschen am Beginn ihres beruflichen Weges und auch Jugendliche die ihre schulische Ausbildung noch beenden müssen. Menschen also, die sich in einer Orientierungs- und Findungsphase befinden, die in aller Regel geprägt ist von Unsicherheit und Zukunftssorgen.
Schülerinnen und Schüler sind im Rahmen ihrer schulischen Ausbildung Schutzbefohlene ihrer Lehrer, der Schule und letztlich auch des Schulträgers einschließlich des verantwortlichen Landesministeriums. Wie kann man aber diesem Schutzauftrag gerecht werden, wenn Interessengruppen wie die Bundeswehr Zugang zu den Schülerinnen und Schülern haben und sie einseitig informieren?
Darüber hinaus werden in mindestens acht Bundesländern, darunter Rheinland-Pfalz, im Rahmen von Kooperationsverträgen auch die Referendarinnen und Referendare von Jugendoffizieren „ausgebildet“. Dies als Indoktrinationsversuch zu bezeichnen ist vielleicht überspitzt – trotzdem naheliegend.
Davon ausgehend, dass die Bundeswehr, spätestens seit dem Einsatz im damaligen Jugoslawien, kein Arbeitgeber wie jeder andere ist, dass nicht nur eine relevante Gefahr für die körperliche und seelische Verfassung für Bundeswehrangehörige im Rahmen ihrer Auslandseinsätze existiert und dass die zunehmenden –und stetig besser finanzierten– Werbemaßnahmen auch zu einer wachsenden Toleranz von Kriegseinsätzen beitragen, erfüllt es mich mit großer Sorge sollten sich diese Tendenzen fortsetzen oder gar erweitern.
In diesem Zusammenhang stellen sich mir viele Fragen. Beispielhaft nenne ich drei:
• Halten Sie es mit den Grundsätzen des Beutelsbacher Konsens vereinbar, wenn die Bundeswehr Infoveranstaltungen an Schulen durchführt?
• Werden im gleichen Maße Angebote gemacht, die Freiwilligendienste und Friedensarbeit zum Inhalt haben?
• Gibt es eine Kontrolle der Arbeit von Jugendoffizieren an Schulen? Wie wird diese Kontrolle kommuniziert?
Insbesondere an eine eventuelle Antwort auf Frage 2 und 3 knüpfe ich besondere Hoffnung, da sich hier konkrete Möglichkeiten ergeben können, wie man das Informationsverhalten von Jugendoffizieren mit dem staatlichen Bildungsauftrag und dem damit zusammenhängenden Wächteramt des Staates über seine Schutzbefohlenen überzeugend legitimieren kann. Ich gehe nicht davon aus, dass derzeit Bundeswehraktivitäten im Einzelnen durch eine inhaltlich opponierende Maßnahme flankiert werden.
Wäre es nicht auch im Sinne der gemeinsam von Eltern und Schule getragenen Fürsorge, wenn die Teilnahme an einer solchen Veranstaltung freiwillig wäre? Mir fällt dazu die Gewissensfreiheit unter anderem bei der mittlerweile ausgesetzten Wehrpflicht ein.
Im Jahresbericht 2011 der Jugendoffiziere wird von den großen Bemühungen berichtet, Schülerinnen und Schüler die dringende Notwendigkeit von Auslandseinsätzen vor Augen zu führen. Diese Bemerkung, als eine von mehreren, ist symptomatisch für das Selbstverständnis der Jugendoffiziere. Eine differenzierte, mehrere Sichtweisen einschließende Vorgehensweise sieht gewiss anders aus. Im Rahmen des besagten Berichts wird auch über die enge vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Schulbehörden und Ministerien gesprochen, sowie die Einbeziehung von Jugendoffizieren in die Gestaltung der entsprechenden Lehrinhalte erwähnt. Werden diesbezüglich auch andere Vertreter einbezogen? Wären hier nicht die gewählten Politiker oder auch Mitarbeiter der entsprechenden Ministerien besser geeignet die Sachverhalte zu erläutern? Werden hierzu auch Aktivitäten von Organisationen wie z.B. den Grünhelmen, Ärzte ohne Grenzen oder anderen berücksichtigt?
Die Vermittlung des Themas Sicherheitspolitik in die Hände derer zu legen, die sicherheitspolitische Entscheidungen umzusetzen haben, halte ich für nicht zielführend. Es obliegt ja auch nicht der Bundeswehr zu entscheiden wie und wo die deutschen Streitkräfte eingesetzt werden. Das Parlament entscheidet nach eingehender Abwägung, nach Anhörung verschiedener Experten und Gremien und nicht zuletzt unter Berücksichtigung der Stimmungslage im Volk. Warum also sollte die Bundeswehr als ausführendes Organ die Information übernehmen? Warum macht sie es hauptsächlich bei jungen Menschen, wenn nicht um letztlich Nachwuchs zu suchen?
Es gibt zwei Hochschulgruppen des Bundesverbands Sicherheitspolitik an Hochschulen in Rheinland-Pfalz. In diesen Gruppen werden regelmäßig Vorträge und Exkursionen angeboten, die oft durch die Jugendoffiziere organisiert werden. Auf den entsprechenden Internetseiten lässt sich nachlesen welche Ausrichtung zum Beispiel die Exkursionen haben. Eine relevante Bereicherung des Lernziels Sicherheitspolitik lässt sich da keineswegs ableiten. Die Veranstaltungen sind eher dazu geeignet junge Menschen an militärischen Habitus zu gewöhnen indem sie Heereskommandos und wehrtechnische Sammlungen (kostenlos) besuchen. Einige Universitäten haben bereits eine Zivilklausel eingeführt oder planen dies zu tun. Gibt es in Rheinland-Pfalz ähnliche Bestrebungen? Im Koalitionsvertrag hatten Sie hierzu Festlegungen getroffen. Konnten Sie diese bereits umsetzen?
Über eine Einschätzung Ihrerseits wäre ich Ihnen sehr dankbar und verbleibe mit herzlichem Dank für Ihr Interesse und
mit freundlichen Grüßen.
Ihre Carmen Kästner

Der Link zum Bericht der Jugendoffiziere:
http://jugendoffizier.eu/fileadmin/user_upload/allgemein/Jahresbericht_2011.pdf
Der Link zum Aachener Friedenspreis:
http://www.aachener-friedenspreis.de/preistraeger/archiv/jahr-2013.html

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Integrier‘ mich nicht.

 

Die Kehrwoche ist erledigt (alle Hausmitbewohner haben mich gehört und gesehen), die Wohnung blitzt, der Urlaub kann beginnen.

Und er beginnt mit einer wahren Geschichte. Anfang des Jahres lernte ich einen jungen Mann kennen: Muhammad ist 17 Jahre alt, seit Kurzem in Deutschland. Seine Eltern sind in der Türkei verunglückt, er lebt jetzt bei der Schwester seines Vaters. Sein Deutsch ist miserabel, er kann sich kaum mit seinen Mitschülern verständigen, dem Unterricht kann er nur im Praxisteil folgen. Sein Englisch ist dafür fließend.

Muhammad würde gerne KFZ-Mechatroniker werden, er liebt Autos, den 1. FC Nürnberg und Basketball. Er erklärt uns feinsinnig und pointiert Unterschiede und Gemeinsamkeiten des Islams und des Christentums. Er spricht über den Befreiungskrieg und die Reformen Atatürks.

Letzte Woche traf ich Muhammad zum zweiten Mal. Sein Deutsch ist viel besser, sein Blick dafür verklärt. In seiner Klasse ist er integriert. Er hasst das Wort Integration. Er hat eine Ausbildungsstelle in Aussicht: Als Fachwerker in einer Schreinerei. Ich frage nach, ob er sich auch bei KFZ-Werkstätten beworben hat. Nein, mit seinem Zeugnis hat er da keine Chance.

Vermutlich hat Muhammad da Recht, vermutlich hätte er tatsächlich keine Chance gehabt. Irgendein X hat ihn in die nächstbeste Bildungsmaßnahme gesteckt, irgendein Y legt keinen Widerspruch ein, irgendein Z macht sich nicht die Mühe über Alternativen nachzudenken.

Wir leben einen Inklusions- und Integrationsgedanken, den wir auf homogene Schülerscharen projizieren. Individualisiertes Lernen, aber bitte leistungsähnlichen Gruppen. Wer rausfällt, fällt raus.

Muhammads Geschichte hat nicht mal den Codenamen Integration verdient. Die willkürliche Zuweisung in diese Bildungsmaßnahme hat ihn nicht integriert, sondern zusätzlich stigmatisiert.

Ein bewundernswerter junger Mann, der hoffentlich auf anderem Weg zu einem späteren Zeitpunkt seinen Weg machen wird. Ich drück ihm fest die Daumen.

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Mildtätigkeit zahlt sich aus oder, von Superreichen die ausziehen uns das Fürchten zu lehren

Nein – ich habe nicht vergessen, dass man hier neben Politischem und Kritischem auch etwas über eine Dachfarm zu lesen bekommt. Und ja – ich wollte mich schon seit Tagen zur weltgrößten Pflanzensamenbank auf Spitzbergen äußern und was diese mit der Bill & Melinda Gates Foundation und Monsanto zu tun hat.

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Das Glück dieser Erde – liegt auf dem Rücken der Pferde

Ob Haflinger, Holsteiner, ob Palomino
der ganze Stolz wird präsentiert,
mit Schenkelbrand klar zugeordnet
gedopt, verkauft und transportiert.

Es tut so gut in besten Kreisen
und, ach so schön, wenn es pariert!
Ist dann der Sieg nicht zu erreichen,
wird’s in die Suppe eingerührt.

Manch Träne rollt aus Kinderaugen,
innig geliebt das arme Tier.
Wird Papi schnell ein neues kaufen,
lebt man nur einmal jetzt und hier.

Und die Moral von der Geschicht‘
rückt Hartwig Fischer in’s rechte Licht.
Von reichen Hintern durchgesessen,
dürfen’s jetzt die Armen fressen.

CDU-Abgeordneter Hartwig Fischer und seine Armenspeisung