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Neulich am digitalen Stammtisch…

DIE WELT titelt: „Flüchtlingsfamilie redet nur mit männlichem Makler“ und auf Facebook entsteht ein kleiner aber symptomatischer Dialog:

Eine Soroptimistin antwortet: „Leider haben sie es nicht anders gelernt. Sollten sie aber schnellstens tun oder schnell wieder gehen!“
Eine weitere Soroptimistin meint: „Der Artikel ging um eine Maklerin, deren Kunden sie nicht respektvoll behandelten Und somit gegen unser Grundgesetz der Gleichberechtigung verstossen haben. Dies dürfen wir in unserer Demokratie weder akzeptieren noch tolerieren. Und dafür setzen wir Soroptimistinnen uns unter anderem auch ein. Ich bin völlig Noras Ansicht. Refugees welcome – aber zu unseren Bedingungen. Grundgesetz und Menschenrechte sind zu achten. Wenn wir in fremde Länder reisen, müssen wir uns auch deren Regeln beugen oder einfach zu hause bleiben.“

„Eigentlich“ wollte ich mich aus dieser Diskussion zurückziehen. Gedanken wie, „das bringt jetzt nichts, ist sowieso sinnlos…“ schwirrten mir durch den Kopf. Was mich hier „auf die Palme“ brachte war, der von oben herab formulierte Satz: „Leider haben sie es nicht anders gelernt. Sollten sie aber schnellstens tun oder schnell wieder gehen!“ Fernab jeglicher Polemik, nahmen Bernd Ackermann, Heike und ich diese Auseinandersetzung zum Anlass, uns vertiefender mit der Thematik auseinander zu setzen.

Zur Klarstellung vorweg sei gesagt, dass das beschriebene Verhalten der Wohnungssuchenden und der Maklerin auf unterschiedlichen kulturellen Auffassungen fußt, hier von einem Verstoß gegen das Grundgesetz zu sprechen, halte ich für übertrieben und einer vertiefenden Auseinandersetzung abträglich. Ebenso halte ich es für einen gravierenden Unterschied, ob man sich mal eben als Tourist/in einer anderen Kultur anpasst, oder mit den eigenen kulturellen Ansprüchen in einer anderen Kultur dauerhaft lebt. Ebenso sollte man bedenken, welche allgemeingesellschaftliche Priorität wir diesem Artikel einräumen. Zusätzlich wäre zu hinterfragen inwieweit in diesem Artikel gefühlte Wahrheiten (Die Maklerin weiß, dass fast alle behaupten aus Syrien zu kommen, um sich bessere Chancen zu sichern) mit unreflektierten Problembeschreibungen vermischt werden.

Doch zurück auf „meine Palme“. Was dieser Satz verdeutlicht ist, dass ihm ein erheblicher Mangel an Interkultureller Kompetenz innewohnt. Der Begriff ist nicht neu, legen doch schon seit Jahren global agierende Unternehmen Wert darauf ihre Mitarbeiter durch gezielte Schulungsmaßnahmen dahingehend zu trainieren. In zahlreichen Vorträgen auch an Universitäten lernen wir: Interkulturelles Bewusstsein schließt Bewusstsein der Vielfalt mit ein.

Was hat dies mit den Asylsuchenden zu tun, fragt sich wohl nun der/die geneigte Leser/in.
Hierzu zitiere ich aus einem Zeit-Artikel:
„Flüchtlinge sind Menschen, sind Individuen. Vor allem sind sie extrem verunsichert (auch wenn sie nicht immer so wirken; das gilt ausdrücklich auch für junge, alleinreisende Männer!) – und sie kennen sich hier nicht aus. Wenn Politiker wie zum Beispiel Julia Klöckner jetzt als erstes über Selbstverpflichtungen zur Integration und Bekenntnisse zum Grundgesetz sprechen, ist das abstrakt und wenig hilfreich. Gute Erfahrungen bringen mehr als erhobene Zeigefinger. Für Flüchtlinge aus dem Nahen Osten, die nur korrupte Regime kennen, ist es jedes Mal eine Offenbarung, wie korrekt deutsche Polizisten mit ihnen umgehen. Informationen, auch über das Grundgesetz und hier geltende Werte, müssen hingegen erst einmal verfügbar sein…“

In Wikipedia lernen wir: „Der Prozess der Integration von Menschen mit Migrationshintergrund besteht aus Annäherung, gegenseitiger Auseinandersetzung, Kommunikation, Finden von Gemeinsamkeiten, Feststellen von Unterschieden und der Übernahme gemeinschaftlicher Verantwortung zwischen Zugewanderten und der anwesenden Mehrheitsbevölkerung. Im Gegensatz zur Assimilation (völlige Anpassung), verlangt Integration nicht die Aufgabe der eigenen kulturellen Identität. Erfolgreiche Integration oder besser: Vernetzung, funktioniert nur auf der Grundlage der Anerkennung von Heterogenität. Homogenitätsstreben – von welcher Seite auch immer – provoziert Gefahren der Identitätspreisgabe.“

Unsere Gesellschaft hat sich verpflichtet Menschen in Not Asyl zu gewähren. Dass daraus resultieren muss, sich über deren Folgen klar zu werden ist unbestritten. Viele Menschen werden für längere Zeit hier bleiben, oder auch für immer. Wie wir damit umgehen wollen muss jetzt gemeinsam erarbeitet werden. Es wird höchste Zeit, denn die permanente Weigerung, gerade aus CDU/CSU Kreisen, der schon seit Jahrzehnten erfolgten Zuwanderung den nötigen Rahmen zu verschaffen, hat zu der derzeitigen Situation geführt.
NRW hat (nach dem Berliner Senat 2010) im Februar 2012 das „Gesetz zur Förderung der gesellschaftlichen Teilhabe und Integration“ beschlossen. Weitere Bundesländer werden nachfolgen müssen, denn nur so wird ein gedeihliches Zusammenleben gelingen.

Auf unserem Blog hat sich Bernd eingehender dem Thema angenähert. Den Link hierzu hänge ich meinen Ausführungen an. Ebenso verlinke ich auf einen Youtube Beitrag von IntercultureTV, der sich auf spielerische Art und Weise mit dem Thema „Interkulturalität“ auseinander setzt.

Menschenrechte fördern setzt Interkulturelle Kommunikation voraus. Hier hätte ich mir von Soroptimistinnen „eigentlich“ mehr erwartet, als das zusehends lauter werdende: „Alle ganz schnell in ein möglichst fernes Land zu schicken.“

Eure Dachfarmerin

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Migration, Integration, Assimilation, Frustration

In den virtuellen Selbstinszenierungsplattformen unserer Wahl sehen wir scharenweise Experten für dies und jenes. Experten für Mode, Autos, Kochen, Sport und Immobilien, aber auch und insbesondere Experten für Politik, Wirtschaft und Kultur. Und die überwiegende Mehrheit ist ja offenkundig dieser Tage Experte in Sachen Migration. Die Migrations-Experten bevölkern die digitalen Hügel wie dereinst das Publikum des Juden Jesus von Nazareth. Nur leider haben sie kein Ohr für so einfache wie universelle Inhalte wie sie auch 2000 Jahre nach deren Verkündung noch nicht Eingang in unsere Herzen und Gesetze fanden. Wer sich, wie es Jesus empfiehlt, barmherzig zeigt, ist ein Gutmensch. Seine (des Gutmenschen) Naivität und Weltfremdheit wird verspottet und gar zur Ursache für das unweigerlich nahende Ende des christlichen Abendlandes erkoren. Weite Teile der Politik der Europäischen Union, wie auch der einzelnen Mitgliedsstaaten, aber insbesondere der überwiegende Teil der Bevölkerung wähnt sich im Recht, wenn es um die Aufnahme von Flüchtenden aus den Krisenherden der Welt geht. Begrenzung, Abschiebung und Eindämmung sind häufig zu lesende Schlagworte. Und wenn es zum Äußersten kommt, der Aufnahme von Flüchtenden, dann wird über Integration doziert, dass sich die Balken biegen. Wobei es erstaunt wie dürftig die Bereitschaft vorhanden ist, sich etwas genauer mit den Begriffen und den zugrunde liegenden Konzepten auseinanderzusetzen. Da wird munter fabuliert über Integration, gemeint ist in aller Regel Assimilation. Da wird über Menschenrechte und das Grundgesetz, emanzipatorische Themen und Glaubensfreiheit sowie Gerechtigkeit gesprochen, ohne dabei das Ganze in einen vernünftigen Rahmen zu setzen. Ein gesamtes Bild kann so nicht entstehen.

Ob in der digitalen Sphäre oder beim Plausch mit Freunden und Bekannten. Es wird zusehends unerträglicher wie sich die Herzen einengen und das wahre Gesicht einer Gesellschaft sichtbar wird, die sich selbst kaum noch aushält. Im Optimierungs- und Inszenierungswahn dieser Tage wird klar, wer der große Gewinner sein wird. Das Ich. Unweigerl-ich. Oder, um einen anderen Werbespruch anzudeuten: Das Wir verliert. Wer sich im Jahr 2015 noch immer dem Gedanken verschließt, dass es neben dem abstammungs- oder sprachgemeinschaftlichen Staatsbürgertum auch Konzepte geben kann, die gemeinsame politische Werte wie Demokratie und Meinungs- und Glaubensfreiheit in den Vordergrund stellen, dem kann man keine ernsthaften Absichten unterstellen. Klar ist, dass es außer dem staatlichen Gewaltmonopol und der Einhaltung der universellen Menschenrechte keine verbindlichen Werte geben kann, die als Voraussetzung dienen, eine Zugehörigkeit einzelner zu einer Gruppe (Staatsbürger) zu begründen oder zu verweigern. Flüchtende sind in diesen Tagen gerade mit dem Ziel unterwegs, recht- und schutzlose Gebiete zu verlassen und Zuflucht zu finden in Gebieten, die ihnen genau das bieten: staatliches Gewaltmonopol und Einhaltung universeller Menschenrechte. Wir haben also alle ein gemeinsames Anliegen. Kein Flüchtender kommt hierher und nimmt den zumeist äußerst beschwerlichen Weg in Kauf, um hier für Unsicherheit zu sorgen. Das ist so einleuchtend, dass es sogar ein Bundesinnenminister verstehen könnte.

Was wollen wir eigentlich so krampfhaft vor den „Fluten“ der Flüchtenden schützen? Klar. Es ist nicht unser Geld – wir spenden und helfen ja ganz toll. Niemand hat Angst davor einen Teil seines Vermögens für jene zu geben, die nichts oder wenig haben. Wir alle haben unsere Gästezimmer und Eigentumswohnungen unentgeltlich den Ausländerbehörden angeboten, um sie mit Flüchtenden zu füllen. Wir gehen auf Vorträge um uns über Flüchtlingspolitik zu informieren. Unsere Vereine machen Spendenaufrufe, wir besuchen Moscheen und Sammelunterkünfte – es ist doch alles ziemlich prima, nicht wahr? Gut. Selbst wenn alles hier aufgezählte tatsächlich in weiten Teilen der Gesellschaft stattfände, selbst dann bliebe uns sicherlich trotzdem noch ein ziemliches Unbehagen. Was wird sich ändern? Deutschland, heißt es auch aus Politikerkreisen, wird sich ändern. Es ist die größte Herausforderung seit dem Fall der Mauer oder gar seit dem Ende des 2. Weltkrieges. Solche und ähnliche Aussagen beunruhigen uns, weil wir Angst vor Veränderungen haben, gerade vor jenen, die wir nicht planen und voraussehen können. „Dass nichts bleibt wie es war“, singt Hannes Wader 1982, und hat natürlich auch heute noch damit recht.

Unsere Demokratie in Gefahr zu sehen, weil sie sich verändern könnte, ist der Beginn eines totalitär „demokratischen“ Absolutismus, der zu nichts führt außer zu Problemen. Nur der Wandel und die ständige Anpassung unseres Rahmenwerks an die tatsächlichen Begebenheiten sichern uns vor zukünftigen Gefahren. Lassen wir uns nicht entmutigen durch die Kakophonie einwärts gewandter Egomanen. Seien wir barmherzig im Sinne der jüdisch-christlichen Bergpredigt, seien wir offen für Neues. Nur das konstruktive Beschäftigen mit dem Neuen wird uns retten. Und lasst uns beherzt auftreten wenn die Wölfe im Schafspelz anfangen zu heulen.