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Dachfarm goes public

Urban Gardening in Worms – Carmen Kästner und Bernd Ackermann züchten erfolgreich Gemüse, titelt die Wormser Zeitung. Zugegeben – etwas peinlich war mir die Sache schon, denn was ist schon besonderes am Gemüseanbau im eigenen Garten? Unzählige Schrebergartenkolonien gibt es hierzulande und wohl kaum eine Zeitung fühlt sich berufen diesen einen ganzen Artikel zu widmen. Und doch scheint es da etwas zu geben, was den nötigen Anreiz bietet. Altbewährtes mit neuem Namen sagen die Einen, sinnvolle Stadtbegrünung schwärmen die Anderen. Es ist das Urbane, was die Gemüter bewegt. Und so kam es, dass eine triste graue Dachfläche und ein paar Europaletten den Weg in die Öffentlichkeit fanden:

14.08.2013 – WORMS
Von Ulrike Schäfer
Es ist nicht so, dass Carmen Kästner und Bernd Ackermann keinen Garten haben. Im Gegenteil, sie leben in einem grünen Paradies: Bäume und Blumen, ein raunendes Bächlein, einen Freisitz zum Klönen, ein Zelt zum Ruhen und überall Töpfe, in denen Kräuter wachsen, Kräuter, die Otto Normalverbraucher nicht einmal dem Namen nach kennt.

Beete in Kisten
Doch es gibt in diesem Garten auch ein externes Gebäude mit Flachdach. Irgendwie fad, irgendwie nackt, fanden die beiden. Aber dieses Dach einfach begrünen mit Fetthenne oder anderen pflegeleichten Flachwurzeln, das wollten sie nicht, und so setzte bei Carmen Kästner ein fundamentaler Denkprozess in Gang. Nicht der erste übrigens. „Ich bin projektaffin“, sagt sie lachend. Das Ende vom Lied war ein Dachgarten der ganz besonderen Art, genauer gesagt eine Dachfarm, die unter dem Motto „Sorge dich nicht! Ernte!“ nutzbar gemacht wurde.
Als Beete wurden Euro-Paletten (acht mal 1,20) zu Kisten umgebaut. Was aber hält ein Flachdach in dieser Größe aus? Das Paar berechnete die Belastbarkeit der Fläche, mutete ihr aber dann nur die Hälfte an Gewicht zu, „denn wenn es regnet, wird die Erde ja sehr viel schwerer“, meint Carmen Kästner. Unterdessen hatte sie sich in dicken Katalogen über alle Sorten von Saatgut schlaugemacht und sich ein erstes Sortiment bestellt.

Salatköpfe um die Ohren geschossen
Die kleinen Sämlinge wurden in Anzuchtkistchen auf den Fensterbänken des Hauses vorgezogen. Weil die Sonnenstrahlen spärlich waren, sahen die Pflänzchen noch ziemlich erbarmungswürdig aus, als sie im April ins Freie kamen. Doch siehe da: Eingewurzelt in satter Komposterde, liebevoll gegossen und gestärkt mit selbst angesetztem Komposttee, entwickelten sie sich unerwartet prächtig. „Im ersten Jahr, 2012, sind uns die Salatköpfe nur so um die Ohren geschossen“, erzählt Carmen Kästner grinsend. Als die ganze Nachbarschaft versorgt war, probierte sie ein Salatrezept ums andere aus. Sogar Salatauflauf machte sie, doch da gab’s schließlich Proteste.

Diese Erfahrungen spornten die Gärtnerin, die großmutterseits erblich belastet ist, zu wahren Hochleistungen an. Sie studierte, welche Gemüse sich miteinander vertragen und welche nicht, welche Kombinationen sinnvoll sind und wie man die Pflanzenfolge so reguliert, dass man den ganzen Sommer über ernten kann.

Kartoffeln aus dem Turm
Das Angebot auf der Dachfarm, die nur über eine Leiter etwas halsbrecherisch zu erreichen ist, ist reichhaltig: Pflücksalate, Batavia-Salate, Asia-Sorten, die leicht pfeffrig schmecken, wilde Rauke, Spinat, Mangold, Spitzkohl, Blumenkohl, Lauch, Radieschen. Und Gurken und Tomaten? „Die nicht“, sagt Carmen, „denn das kriegen wir von den Nachbarn.“ Und Kartoffeln. „Die ja, aber sie werden nicht auf dem Dach gezüchtet, sondern im Kartoffelturm.“ Er steht wie eine Art Litfaßsäule, ummantelt mit einer Rohrmatte, in einer Gartenecke und macht übers Jahr mit Hilfe von Kompost, Luft und Sonne aus zwei Kilogramm Kartoffeln 40 Kilogramm.

Hinter all dem steht natürlich nicht nur die bloße Lust am Experimentieren. Schon lange leben Carmen Kästner und Bernd Ackermann ökologiebewusst, nutzen alle Möglichkeiten der nachhaltigen Selbstversorgung. „Wir sind relativ autark“, sagt Bernd. Begriffe wie Permakultur und Urban Gardening schwirren durch die Luft. „Öffentliches Gärtnern ist ein ganz aktuelles Thema, auch unter dem sozialen Aspekt der Begegnung, des Austauschs, der Verantwortung für ein gemeinsames Projekt“, weiß Carmen. „Man bekommt dann auch einen ganz anderen Bezug zu Lebensmitteln. Es wäre toll, mal alle Einzelbewegungen, die es in Worms gibt, an einen Tisch zu bekommen“. Vielleicht macht Bernd zu diesem Anlass dann auch seine gefüllten Crêperöllchen mit grünem Salat!

Foto von Photoagenten Alessandro Balzarin

PS: Was Niemand wissen soll: Die Schutznetze haben wir für den Fototermin entfernt.

Eure Dachfarmerin

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Ich will ein Garten sein

Ich will ein Garten sein, an dessen Brunnen
die vielen Träume neue Blumen brächen,
die einen abgesondert und versonnen,
und die geeint in schweigsamen Gesprächen.

Und wo sie schreiten, über ihren Häuptern
will ich mit Worten wie mit Wipfeln rauschen,
und wo sie ruhen, will ich den Betäubten
mit meinem Schweigen in den Schlummer lauschen.
(Rainer Maria Rilke)

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Verschleierte Beete zeigen Kohlweißling die kalte Schulter

„Non est ad astra mollis e terris via“. „Es ist kein weicher Weg von der Erde zu den Sternen“, heißt es in der Tragödie „Hercules furens“ von Seneca. Will heißen: Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt.
So auch hier. Viel Zeit der Trauer um die entgangenen Ernteerfolge konnten wir uns nicht erlauben. Galt es doch, die Nachzucht zu päppeln um die abgeernteten Beete so rasch als möglich mit neuem Grün zu beglücken. Über die Anzahl der Raupen, die sich in den abgeernteten Beeten fanden, hüllt sich der Mantel des Schweigens. Das Anbringen der Netze, vor der Neubepflanzung (nach 14 Tagen) erwies sich als außerordentlich nützlich, fand sich doch die eine oder andere übersehene Raupe in Gefangenschaft wieder. Morituri te salutant!
An den Anblick der „Schleierbeete“ werde ich mich hoffentlich gewöhnen und glücklicherweise mussten nur die mit Kohl Bestückten verhüllt werden.

Verschleierte Beete
Verschleierte Beete

Die neugezogenen Pflänzchen Grünkohl, Wirsing, Porree und Kohlrübe finden neben Winterpostelein, Zuckerhut, Chinakohl und Endivie ihren Platz in den Beeten. Junge Komposterde sorgt für rasches Wachstum.

Augustpflänzchen
Augustpflänzchen

Die zweite Generation Kopfsalat, der den verdienten Namen „Wunder von Stuttgart“ trägt, darf noch einpaar Tage wachsen. Der schwarze Rettich zeigt schon seine Rundungen und der Mangold will mal wieder unters Messer. Dank der wöchentlichen Kompostteegaben wird er uns bis in den späten Herbst hinein versorgen.

Wunder von Stuttgart u Rettich
Wunder von Stuttgart u Rettich

Mangold und Pflücksalat
Mangold und Pflücksalat

Kohlrabi(
Kohlrabi und Lauch

 

Die kleine Dachfarm lässt sich von einpaar Raupen nicht beeindrucken und die Dachfarmerin erst Recht nicht. Und wenn der Blick allzu schleierhaft wird, bietet der Garten im Erdgeschoss noch reichlich Unverhülltes.
Eure, bisweilen unverhüllte Dachfarmerin

Chicoree
Chicoree

Grüne Tomaten
Grüne Tomaten

Paprika
Paprika

 

Kräutertöpfe
Kräutertöpfe

Kräutertöpfe
Kräutertöpfe

Basilikum
Basilikum