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Gesellschaft

Heute mal lyrisch

Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke

Für eine, die das Gedicht wirklich mag und für eine, auf die es gerade wirklich passt.

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Gesellschaft

Wollen können, müssen sollen,…

Vielleicht hätte ich die Konjunktive nennen sollen? Gestern bin ich auf meiner Streiftour durch Stuttgart im Hugendubel gelandet und mir sprang beim verdienten Kaffee ein Buch in die Optik: Willenskraft effizient einsetzen. Jo. Da der Kaffeegast am Tisch nebenan das Buch scheinbar nicht für würdig befand, seinen Platz im Regal wieder einzunehmen, habe ich also meine CHANCE auf Erkenntnis genutzt und „geschmökert“. Im ersten Moment dachte ich: Genau mein Ding. Willenskraft! YEAH! Here I go! Nach drei Seiten war ich angewidert. Angeblich geben über 80% aller Menschen an, dass sie Ziele nicht erreichen, weil ihre Willenskraft nicht ausreicht. Das kann doch nicht angehen. Was sind denn das für Ziele? Abnehmen, das Rauchen aufgeben, die Wohnung sauberer halten, den nächsten Universitätsabschluss, der nächste Sprung auf der Karriereleiter? Vielleicht lohnen sich manche Ziele nicht, vielleicht sind manche Ziele einfach unerreichbar… Aber die Willenskraft… Wie soll man sich der nähern? Ich will bestimmt abnehmen, funktioniert auch gerade, bisschen Bewegung hilft schon viel. Ich sollte auch mit dem Rauchen aufhören wollen, aber das sollte ich auch nur. Ich will mehr Menschen kennenlernen hier in der Noch-Fremde, aber Freunde auf Bestellung sind gerade aus. Und? Wo fehlt mir da eigentlich Willenskraft? Ich will momentan viel, alles zu seiner Zeit. Mit der Brechstange funktioniert es nicht; das Leben. Im Grunde sind die Ziele, die man nicht erreicht, doch Ziele, die man entweder nicht erreichen will oder nicht erreichen kann. Somit als Ziele auch schon wieder disqualifiziert sind. Vielleicht fehlt die Lust auf den nächsten Universitätsabschluss, das Können für den nächsten Karrieresprung, das Talent zum Blockflöte spielen. Muss ich mich wirklich schlecht fühlen, Schuldgefühle erleiden und verzweifeln, wenn ich etwas nicht schaffe? Ist es nicht das größere Eingeständnis zu sagen: Ich kann das nicht. Oder: Da habe ich keine Lust zu. Ist diese Strebsamkeit sowas wie ein virtueller Kampf, wer den Längsten hat? Wer mitspielen will, muss mitmachen? Versteh ich das richtig? Rhythmus wo man mit muss?

Da propagiert einer, dass man nicht Jedem helfen kann und erst recht nicht soll. Wenn man nicht an Auge um Auge, Zahn um Zahn glaubt ist man gleich naiv. Wer Ideale hat, versteht die Welt nicht. Ideale im Sinne von nicht-erreichten Zielen sind konsequenterweise mangelnde Willenskraft. Ich werde gerade müde. Meine Willenskraft ist super: Ich will nicht weiterschreiben.

Gute Nacht, du willenlose Welt.

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Wutbürgerbeteiligung – Eine Farce.

Beim Versuch mich in eine fremde Stadt zu integrieren, landete ich gestern auf einer Veranstaltung zur Stadtentwicklung Stuttgarts in Folge des fulminanten Stuttgart 21-Projekts. Bürgerbeteiligung, Dialog, Möglichkeiten zum Gespräch, tolle Worte konnte man da lesen. Grob gesagt ging es darum, die Fläche, die durch den Bau des Bahnhofs frei wird zu planen und zu gestalten. Natürlich wird alles ganz toll und allen Ansprüchen an eine moderne und mondäne (…) Stadt wird Rechnung getragen. Hmh, ist klar. Zu Gast: Der renommierteste und beste Stararchitekt aller Stararchitekten (den Namen habe ich gewollt vergessen). Seine „persönliche Gebrauchsanleitung moderner Architektur“ präsentierte er an Hand zahlloser Beispiele seiner selbst kreierten Entwürfe von Basel, Bern, Zürich, Berlin,… Eine tolle Propagandaveranstaltung. Na hm, okay, die Häuser sahen grausam aus, aber über Geschmack lässt sich nun mal nicht streiten. Und wo ich gerade bei Geschmack bin: Das Kredo des Stararchitekten: Architektur braucht Manieren. Bedeutet: Die Neubauten müssen sich in das bestehende Bild integrieren, am besten baut man ein schönes Gebäude nach. Außerdem sind ALLE SCHÖNEN Städte aus einem Wurf geplant und am schönsten und besten sind die Städte, die am Reißbrett gezeichnet wurden. Und alle guten Städte haben etwas Eigenes an sich. Aha. Dass Städte etwas „Eigenes“ an sich haben, liegt wohl so in der Natur der Stadt begraben. Der Vergleich zum Landleben hinkt meiner Meinung nach der aktuellen Urbanisierung hinter her. Und was soll das auch? Besonders in einer Stadt wie Stuttgart, die sich dadurch auszeichnet, dass alle zahlungsfähigen Arbeitnehmer abends die Stadt verlassen um ihr zu Hause im Umland zu finden. Ob diese in den umliegenden Dörfern, Städten und Möchtegern-Städten wirklich „gesünder“ leben, sei dahingestellt. Faszinierend außerdem: Stuttgart kam in dem Vortrag nicht vor. Nachfragen bezüglich einer Handlungsempfehlung wurden abgeschmettert.

Der „Dialog“ beschränkte sich auf ein fast begeistertes Publikum, das der Gehirnwäsche dieses Stararchitekten strahlenden Applaus lieferte. Wenige erdreisteten sich Nachfragen zu stellen. Auf die Nachfrage meines sympathischen Sitznachbarn, ob sich diese Diskussion lohnt, wo wir immerhin über einen Baustart in neun oder zehn Jahren sprechen und ob sich die Ansprüche und die Wünsche nicht selbst überholen, reagierte der Herr Oberbürgermeister persönlich und pries den „Bürgerdialog“, Tschuldigung… Den Wutbürgerdialog als probates Mittel um langfristig den Stuttgartern eine Stimme zu geben. CDU-Politiker schüttelten Hände, verwiesen auf die anstehende OB-Wahl und am Schluss gab es Brezeln und Wein. Das war nun wirklich das Highlight des Abends, auch wenn mich kaum noch etwas dort hielt.

Blieb für mich eine Bestätigung, die mich freut: Dass ich als Stadtsoziologin nicht in das Mordor der Stadtentwicklung einsteigen konnte bzw. eingestiegen bin, war mit Abstand die klügste Entscheidung, die ich seit langem gefällt habe.

In diesem Sinne: Gefällt mir!